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                  <text>GOTT-NATUE
(Theophysis)
Studien fiber monistische Religion
Von

Ernst Haeckel

Alfred Kroner Verlag in Leipzig
1914

MMR

�1

�national secular society

Gott-Nat ur
(Theophysis)
Studien uber monistische Religion
Von

Ernst Haeckel

Alfred Kroner Verlag in Leipzig
1914

�,,Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als daB sich Gott-Natur ihm ofienbare?
Wie sie das Feste laBt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre!“
Goethe.

*

�Den Lesern der

„Weitratsel“
und

„Leb enswunder“
bei Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres
und am Abschlusse seiner
naturphilosophischen Arbeit
gewidmet von

Ernst Haeckel
am 16. Februar 1914

�„Was war ein Gott, der nur von auBen stieBe,
Im Kreis das All am Finger laufen lieBe!
Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
So daB, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermiBt
Goethe.

�Inhalt
Seite

Vorwort..................................................................................
7
Religion und Philosophic....................................................... 11
Erkenntnislehre...........................................................................12
Monistische Erkenntnistheorie............................................... 13
Dualistische Erkenntnistheorie
...................................19

Ldsung des Menschen-Ratsels................................................... 21
Anthropologische Fundamente des Monismus.................... 21
Losung des Seelen-Ratsels....................................................... 27
Psychologische Fundamente des Monismus........................ 27
Losung des Substanz-Ratsels................................................... 32
Kosmologische Fundamente des Monismus........................ 32
Losung des Gottes-Ratsels....................................................... 37
Theologische Fundamente des Monismus............................37
Lebensfiihrung (Ethik)............................................................... 47
Abschied . ................................................................................... 56
Anhang.

Synoptische Tabellen.
I. Monistische und Dualistische Religion............................64
II. Hauptformen des Ontheismus....................... . . • . 65
III. Trinitat der Substanz....................................................... 66
IV. Drei Richtungen der Substanzlehre................................67
V. Kritik der Erkenntniswege............................................... 68
VI. Grundrichtungen der Naturphilosophie............................ 69
VII. Ahnenreihe des Menschen: I. Halfte................................ 70
VIII. Ahnenreihe des Menschen: II. Halfte.............................. 71

�„Ist denn so schwer das Ratsel, was Gott und der Mensch
und die Welt sei?
Nein! Doch niemand hort’s gern; darum bleibt es geheim.“
Goethe.

�Vorwort.
Am Schlusse meiner wissenschaftlichen Lebensarbeit angelangt, sehe ich mich — wider Erwarten, — veranlaBt, noch
einmal in Sachen der monistischen Naturphilosophie das Wort
zu ergreifen. Die unmittelbare Veranlassung dazu geben mir
sehr zahlreiche Briefe, welche seit fiinfzehn Jahren von wiBbegierigen Lesern der „Weltratsel“ und „Lebenswunder“ an
mich gelangt sind. In diesen „Gemeinverstandlichen Studien “
hatte ich versucht, meine allgemeinen Anschauungen uber die
hochsten Fragen der Menschheit, uber Gott und Welt, Seele
und Mensch, welche ich als Naturforscher im Laufe fiinfzigjahriger Denkarbeit gewonnen hatte, einem weiteren Kreise
Gebildeter zuganglich zu machen, DaB ich damit einem wirklichen Bediirfnis der Zeit entgegengekommen war, bewies der
ungewohnliche, mir selbst ganz unerwartete Erfolg dieser Bucher.
Die moderne monistische Philosophic ist das natiirliche
Produkt einerseits aus den beispiellosen Fortschritten der gesamten Naturerkenntnis im neunzehnten Jahrhundert, anderseits aus dem stetig wachsenden Bediirfnis der Vernunft, sich
in dem Labyrinthe der dadurch gewonnenen Tatsachen zurechtzufinden und zu einem klaren einheitlichen Weltbilde zu gelangen. Da diese Weltanschauung aber mit den hergebrachten,
durch tausendjahrige Tradition geheiligten Uberzeugungen der
Religion vielfach in Widerspruch gerat und die heftigsten Angriffe der herrschenden dualistischen Philosophie hervorrief,
entspann sich alsbald ein lebhafter „Kampf um die Weltratsel“.
Einerseits wurde dieses bescheidene „Skizzenbuch“ als vollig

�— 8

—

wertlos und irrefuhrend geschmaht, andrerseits als bahnbrechend
und aufklarend uber Gebiihr gelobt. Dabei ergaben sich so
zahlreiche Widerspriiche und MiBverstandnisse auf beiden Seiten, daB ich mich fiinf Jahre spater bewogen fand, in dem Buche
uber die „ Lebenswunder “ einen Erganzungsband der „Weltratsel“ folgen zu lassen. Im Vorwort zu diesen „Gemeinverstandlichen Studien“ liber „Biologische Philosophie “ habe ich
bereits das Wichtigste dariiber mitgeteilt und in den begleitenden 22 „Synoptischen Tabellen“ die wesentlichsten Lehrsatze
der neuen Weltanschauung ubersichtlich zusammengefaBt.
In beiden Buchern war ich bemiiht, moglichst klar und
einfach auf Grund der neuen Entwicklungslehre die wichtigsten
von jenen schwierigen Hauptfragen der monistischen Philosophie
darzustellen, deren Grundziige ich bereits 1866 in der „Generellen Morphologie der Organismen“ festgelegt und bald darauf
in der „Natiirlichen Schopfungsgeschichte“ (1868) einem groBeren Leserkreise zuganglich zu machen versucht hatte. Allein
die unermeBliche Ausdehnung des modernen Erkenntnis-Gebietes, die Unmoglichkeit, alle Seiten desselben gleichmaBig zu
durchdringen, auBerdem die Unvollkommenheit meiner person­
lichen Kenntnisse und Darstellungsgabe, hinderten mich trotz
des ehrlichsten Strebens, alle Teile der gestellten Aufgabe gleich­
maBig und befriedigend zu losen. So kam es, daB immer
wieder Tausende meiner wiBbegierigen Leser Anfragen uber
verschiedene, sie beunruhigende Unklarheiten und Zweifel an
mich richteten. Besonders wurde vielfach gefragt, in wieweit
die Sicherheit meiner Anschauungen wirklich begriindet und
einwandfrei sei; auch wurde getadelt, daB ich meine Hypothesen
nicht scharf genug von den feststehenden Tatsachen gesondert
habe; ferner, daB die naturwissenschaftlichen und philosophischen
Lehren die Grenzen ihrer gesonderten Gebiete iiberschritten
hatten. Namentlich betrafen diese Bedenken diejenigen Probleme, welche an den Grenzen der Philosophie und Reli­
gion, der Biologie und der Physik sich vielfach kreuzen und
beriihren. Auf diese Fragen, die in zahlreichen Briefen gleicher-

�9
weise wiederkehrten, versuche ich in diesen Blattern eine gedrangte Antwort zu geben.
Was nun die gewiinschte Sicherheit der Erkenntnisse betrifft, so muB ich freilich meine freundlichen Leser bitten, stets
im Sinne zu behalten, daB dieselbe immer subjektiv bleibt.
Ich bin ein unvollkommener Mensch und daher auch bei ehrlichstem Streben nach objektiver Wahrheit immer der Moglichkeit des Irrtums ausgesetzt. Die relative Sicherheit meines hier
erneuerten „Glaubensbekenntnisses“ beruht also darauf,
daB ich sechzig Jahre hindurch die Welt und den Menschen
mit lebhaftestem Interesse durchforscht und bei dem ehrlichen
Streben nach moglichst klarer Erkenntnis der Wirklichkeit
stets im Sinne von Goethe „Gott in der Natur “ gesucht
habe; — ferner darauf, daB eine stetig wachsende Zahl von
bedeutenden Naturforschern und Philosophen zu denselben
Ergebnissen gelangt ist.

Jena am 12. Februar 1914.

�Prooemion.
„Im Namen dessen, der Sich selbst erschuf,
Von Ewigkeit in schaffendem Beruf;
In Seinem Namen, der den Glauben schafft,
Vertrauen, Liebe, Tatigkeit und Kraft;
In Jenes Namen, der, so oft genannt,
Dem Wesen nach blieb immer unbekannt:

So weit das Ohr, so weit das Auge reicht,
Du findest nur Bekanntes, das Ihm gleicht,
Und deines Geistes hochster FeuerAug
Hat schon am Gleichnis, hat am Bild genug;
Es zieht dich an, es reiBt dich heiter fort,
Und wo du wandelst, schmiickt sich Weg und Ort;
Du zahlst nicht mehr, berechnest keine Zeit,
Und jeder Schritt ist UnermeBlichkeit!“

Goethe.
(»Gott und Welt.“'

�Religion nnd Philosophie.
Die beiden groBen Gebiete unseres menschlichen Geisteslebens, welche gewohnlich als Religion und Philosophie gegeniibergestellt werden, hangen urspriinglich untrennbar zusammen.
AuBerlich zwar erscheinen beide jetzt scharf getrennt; auf
unseren modernen Universitaten steht noch heute in der Rangordnung der Fakultaten die Theologie als „Religionswissenschaft“ an erster Stelle, wahrend die Philosophie als „Weltweisheit“ die letzte Stelle einnimmt. Die Theologie soli als
„Gottesgelehrtheit“ jenen tiefsten und wichtigsten Urgrund
alles Daseins lehren, welcher unter dem vieldeutigen Begriff
„Gott“ als „hochstes Wesen“ verehrt wird. Die Philosophie
hingegen soil als umfassende „Weltweisheit“ die Fiille aller
von den einzelnen Wissenszweigen gewonnenen Erkenntnisse
in einem gemeinsamen Mittelpunkt sammeln und als „Fiirstin
der Wissenschaften “ ein einheitliches Gesamtbild der Welt
herstellen.
Vielfach wird auch der Gegensatz beider Geistesgebiete so
verstanden, daB die Religion als Glaubenslehre das hohere
Gebiet der Anschauungen umfassen soli, welches der wissenschaftlichen Behandlung verschlossen und nur der iibersinnlichen Offenbarung zuganglich sei. Die Philosophie dagegen
soil sich als universale Wissenslehre auf sicheres, durch sinnliche Erfahrung gestiitztes Wissen beschranken und von dem
schwankenden Glauben absehen. Tatsachlich ist aber dieser
Gegensatz unhaltbar, denn beide Gebiete des Denkens sind
gleicherweise unvollkommen und genotigt, die vielfachen Liicken
des erfahrungsmaBigen Erkennens durch Glaubens-Vorstellungen
auszufiillen, Im Gebiete der Religion beanspruchen dieselben

�12

als unentbehrliche „Glaubenssatze“ oder „Dogmen“ eine unbedingte und absolute Geltung, wahrend sie im Gebiete der
Philosophic als wissenschaftliche Hypothesen zwar zugelassen
werden miissen, aber immerhin nur provisorischen Wert besitzen und jederzeit in Folge fortgeschrittener Erkenntnis durch
bessere ersetzt werden konnen. Der oft betonte scharfe Gegensatz zwischen „ Glauben und Wissen“ besitzt also nicht die ihm
zugeschriebene Wichtigkeit. (Vergl. Kap. 16 der „Weltratsel“.)

Erkeimtnislehre.
Monistische (physiologische) und dualistische
(metaphysische) Erkenntnis-Theorie.
Auf dem schwierigen und dornenvollen Wege zur Erkennt
nis der Wahrheit miissen wir zunachst uns fiber dessen Ziele
und die Mittel zu ihrer Erreichung verstandigen. Wir konnen
zu einer klaren Anschauung vom wirklichen Wesen der Welt
und zum Verstandnis ihrer Ursachen nur dann gelangen, wenn
wir nicht bloB unser Objekt, die Welt, bestimmt vor Augen
haben, sondern auch unsere Fahigkeit zu ihrer Erkenntnis,
unser Subjekt, kritisch gepriift haben. Daher fordert die
moderne Philosophie mit Recht im Beginne ihrer Arbeit eine
kritische, auf Wissenschaft gegriindete „ Erkenntnis-Theorie
wahrend die altere Religion sich mit einem unkritischen, angeblich auf Offenbarung gestutzten, tatsachlich der dichtenden
Phantasie entsprungenen Glauben begniigt.
Bei der Erledigung dieser ersten Frage scheiden sich bereits
die beiden groBen Richtungen, welche die „Weltweisheit“ von
Altersher in zwei entgegengesetzte Lager fiihren, die monistische
oder naturalistische und die dualistische oder metaphysische
Erkenntnislehre. („Lebenswunder“ Kap. 1.)
Unsere monistische oder „naturwissenschaftliche“ Erkenntnistheorie betrachtet die Erkenntnis als einen physiologischen
Natur-ProzeB, dessen anatomisches Organ unser menschliches
Gehirn ist.

�13
Die herrschende dualistische oder „geisteswissenschaftliche** Erkenntnislehre hingegen erblickt in der wahren Erkenntnis einen iibernatiirlichen Vorgang, ein transszendentes
„ Wunder
Die monistische Seelenlehre, als ein Teil der
Physiologie, fordert daher zunachst eine empirische Kenntnis
und eine kritische Beurteilung unseres menschlichen Organismus
und seiner Organe, insbesondere des Gehirns, mithin eine
anthropologische Basis. Die dualistische Psychologie hin­
gegen, welche die „Seele“ als ein unsterbliches und iibernatiirliches „Wesen“ betrachtet, verschmaht diese anatomisch-physiologische Kenntnis des Menschen; sie glaubt allein durch
introspektive Analyse, durch metaphysische Spekulation uber
die Erkenntnis-Tatigkeit, und durch dialektisches Spiel mit ihren
Begriffen, zur „Analysis der Wirklichkeit“ zu gelangen.

Monistische Erkenntnistheorie.
Unsere monistische und realistische Erkenntnistheorie be­
trachtet als sichere Grundlage aller Wissenschaft ausschlieBlich
die Erfahrung (Empirie). Die anatomischen Organe dieser
physiologischen Tatigkeit sind zwei verschiedene Bezirke unserer
GroBhirnrinde: das Sensorium (Sinneszentrum) und das Phronema (Denkorgan). Die mikroskopischen Elementarorgane
des ersteren sind die Asthetalzellen oder inneren Sinneszellen
diejenigen des letzteren die Phronetalzellen oder Denkzellen.
Die Urquellen aller Erkenntnis sind die auBeren Sinnesorgane;
sie vermitteln direkt den Verkehr des Organismus mit der
AuBenwelt und iibertragen die hier empfangenen Eindriicke
durch die Sinnesnerven auf das innere Sinneszentrum; durch
deren Verkniipfung im Phronema (Assozion oder Assoziation)
entstehen dann die Gedanken. Urspriinglich sind alle Gedanken
und Vorstellungen a posteriori (durch Empirie) erworben. Durch
Assozion der Begriffe entstehen aber neue Erkenntnisse, die
dann scheinbar a priori (ohne vorhergehende empirische Grundlagen) auftreten. Die unbefangene physiologische Kritik dieser
natiirlichen Vorgange fiihrt zum Pantheismus.

�Exakte Erkenntniswege. Die erste Anforderung, welche
die Kritik an die Erkenntnis der Wahrheit stellt, ist moglichst
genaue oder exakte Beobachtung und Beurteilung der Tatsachenu
Im strengsten Sinne ist eine wirklich vollkommene Erkenntnis
nur in der Mathematik moglich, und in denjenigen Gebieten
der Anorgik (der anorganischen Naturwissenschaft), welche
GrbBenverhaltnisse und quantitative Beziehungen behandeln
(theoretische Physik im engeren Sinne, Astronomie, Chemie usw.).
hier ist es meistens moglich, durch Zahl und MaB eine hohe
(wenn auch nicht immer absolute) formale Genauigkeit in der
Beschreibung zu erreichen. Die Objekte der Beurteilung sind
hier meistens verhaltnismaBig einfach und in ihren charakteristischen Eigenschaften relativ gut bekannt.
Ganz anders verhalt es sich in der Biologie (der organischen Naturwissenschaft). Hier sind die Verhaltnisse der Erscheinungen meistens sehr vielseitig und verwickelt, und bieten
wegen ihrer mannigfachen qualitativen Differenzen der Untersuchung viel groBere Schwierigkeiten. Zwar ist es auch hier
vielfach moglich, die einzelnen Seiten der Erscheinungen
mit Hilfe von Zahl und MaB exakt darzustellen, das gilt aber
nicht fur das Ganze und Allgemeine. Vor allem liegt aber
der exakten Erkenntnis der Organismen der Umstand im Wege,
daB wir das Plasma oder die „lebendige Substanz“ (die materielle Basis alles Lebens, den „Lebensstoff“ im eigentlichsten
Sinne!) noch heute nur sehr wenig kennen; selbst die chemische
Natur der EiweiBkorper oder Albuminate, zu denen die millionenfach verschiedenen Plasmakorper gehoren, ist uns noch
sehr ungeniigend bekannt. Es ist daher eine gefahrliche Selbsttauschung, wenn viele Biologen ihr engeres Forschungsgebiet
noch als exakte Naturwissenschaft bezeichnen. Noch weniger
ist es zulassig, die gesamten Naturwissenschaften (zu denen doch
auch viele historische Facher gehoren) als exakte zu bezeichnen
und ihnen alle iibrigen als „Geisteswissenschaften“ gegeniiberzustellen.
Grenzen der Beobachtung. Der sicheren Genauigkeit

�15

der Erfahrung sind enge Grenzen gesetzt schon durch die Beschaffenheit unserer menschlichen Sinnesorgane (Sensilla) und
des Gehirns, in welchem die auBeren Sinneseindriicke durch
das Sensorium (die inneren „Sinnesherde“) iibersetzt und dem
benachbarten Denkorgan (Phronema) zugefiihrt werden. Im
allgemeinen besitzen unsere Sinneswerkzeuge dieselbe morphologische Zusammensetzung und die gleicbe physiologische Arbeitsweise wie die Sensillen der iibrigen Saugetiere und besonders der nachstverwandten Tierarten (speziell der Menschenaffen). Auch entwickeln sie 'sich im Keime auf dieselbe
eigentiimliche Weise; aus dieser ontogenetischen Tatsache ziehen
;wir einen sicheren SchluB auf ihre phylogenetische Entstehung
und stufenweise Entwicklung. Allein im besonderen stehen
die menschlichen Sinneswerkzeuge vielfach in bezug auf quanti­
tative und qualitative Ausbildung auf einer tieferen Stufe als
bei vielen anderen Wirbeltieren. AuBerdem aber ist ihr Leistungsvermogen individuell sehr verschieden, was teils die
Folge der Anpassung (Ubung, Gewohnheit, Erziehung), teils
der Vererbung (innerhalb der Basse, des Volkes, der Familie)
ist. Eine sehr gefahrliche Grenze der Beobachtung und eine
Quelle vieler Irrtiimer ist ferner durch die folgenschweren
Sinnestauschungen gegeben. Die normalen Sinnestauschungen
(z. B. in bezug auf Licht und Farbe, Bewegung und lokalisierte
Empfindung) verfiihren zu vielen falschen Schliissen; noch vielmehr die pathologischen Sinnestauschungen, welche in Illusionen,
Halluzinationen, Wahnvorstellungen und andere Geisteskrankheiten ausarten. Deshalb ist bei alien Beobachtungen, die
moglichst exakt sein wollen, scharfste Vorsicht und Selbstkritik
geboten. Aus Mangel an solcher, wie an Erziehung des Phronema, begehen namentlich viele Naturforscher, die auf ihre
„Exaktheit“ stolz sind, die groBten Fehler. (Vgl. Weltratsel,
Kap. 16 und Lebenswunder, Kap. 13.)
Grenzen des Experimentes. Da der wissenschaftliche
Erforschungsversuch, das kunstliche „Experiment“, auch auf
Beobachtung beruht, und nur eine Frage ist, unter welchen

�16

Bedingungen irgendeine Erscheinung eintritt, so gilt dafiir
alles, was wir soeben fur die einfache direkte Beobachtung der
Naturerscheinungen angefuhrt haben. Nur ist hier in noch
hoherem Grade niichterne Selbstkritik, Vorsicht bei der Ausfiihrung und Umsicht bei der Beurteilung der Beobachtung zu
fordern. Die Philosophie des klassischen Altertums, welche
schon vor 2000 Jahren in bezug auf Denktatigkeit eine so hohe
Stufe erlangt hatte und selbst heute noch vielfach nicht iibertroffen ist, kannte die hohe Bedeutung des Experiments nicht.
Erst in den letzten drei Jahrhunderten, besonders seit Bacon und
Galilei, ist sein Wert voll erkannt und gewiirdigt worden. Die
Entwicklung der neueren „Experimental-Wissenschaften“
(Physik, Chemie, Physiologie usw.) im letzten Jahrhundert und
ihre erstaunlich fruchtbare Verwertung fiir die Technik und die
verschiedensten Kulturzwecke haben dem Experiment eine
friiher nicht geahnte Bedeutung verliehen.
Vielfach ist jedoch damit eine gefahrliche Uberschatznng
seines Wertes eingetreten, besonders durch seine Einfuhrung in
solche Wissensgebiete, in denen es nur teilweise oder gar nicht
anwendbar ist, z. B. historische Forschungen und Entwicklungslehre. Der jetzt vielgebrauchte und hochgeschatzte Begriff der
„Experimentellen Entwicklungs-Geschichte“ fiihrt vielfach irre.
Denn man kann die historischen Vorgange bei der Entwick­
lung des Embryo, die nach dem Biogenetischen Grundgesetz
nur durch ihren Kausalnexus mit der phyletischen Entwicklung
der Ahnenreihe verstandlich werden, niemals durch Experimente
allein erkennen lernen; diese konnen nur den EinfluB veranderter Bedingungen auf bestimmte einzelne Vorgange feststellen, und also die Physiologie und Pathologie des Embryos
fordern. Die moderne experimentelle Entwicklungsmechanik erfreut sich aber gegenwartig, ebenso wie die Experimental Psychologie, oft deshalb groBer Beliebtheit, weil man auch ohne
geniigende allgemeine biologische Vorbildung „interessante Versuche“ anstellen und durch eine „merkwiirdige Entdeckung
einer unerklarten Tatsache“ sich Ansehen verschaffen kann.

�17

Man kann dabei der umfassenden empirischen Kenntnisse entbehren,. welche nur durch ein mehrjahriges griindliches Studium
in vergleichender Anatomie und Ontogenie, und namentlich
auch in Palaeontologie erworben werden konnen.
Vergleichende Methoden. Unter alien biologischen
Wissenschaften ist fiir unsere monistische Philosophie und
Theologie von hochster Bedeutung derjenige Zweig der Morphologie, welcher als „ Vergleichende Anatomie “ den genetischen
Zusammenhang der vielen tausend organischen Formen kennen
lehrt und ihre endlose Mannigfaltigkeit auf eine gemeinsame
[einfache Quelle zuriickfuhrt. Schon vor 130 Jahren hatte
'Goethe dazu den ersten Anfang gemacht, als er auf der Anatoffiie in Jena den Schadel des Menschen und der iibrigen Saugetiere sorgfaltig vergleichend studierte. Zu einer selbstandigen
PWissenschaft wurde die vergleichende Anatomie im Beginn des
19. Jahrhunderts durch die beiden groBen Pariser Zoologen
George Cuvier und Jean Lamarck erhoben. Ihnen ebenbiirtig
erweiterte dann in Deutschland Johannes Muller ihren Wirkungskreis, indem er die vergleichende Morphologic und Physio­
logie mit der von Baer begriindeten Entwicklungsgeschichte
Rrerkniipfte.
Ihre voile Bedeutung als „ Philosophie Zoologique“ im Sinne
hmseres heutigen Monismus erhielt sie aber erst, nachdem
Rjharles Darwin (1859) die Abstammungslehre reformiert und
sein Freund Thomas Huxley (1863) sie auf den Menschen angewandt hatte. Ihre umfassendste und wirkungsvollste AusWhrung erhielt sie durch die klassische „ Vergleichende Anawmie“ von Carl Gegenbaur, dessen zahlreiche treffliche Schuler
noch heute fur ihren Ausbau erfolgreich tatig sind.
Meine eigenen wissenschaftlichen Bestrebungen haben seit
femem halben Jahrhundert das Ziel verfolgt, im Sinne dieser
groBen Meister (die zum Teil noch meine personlichen Lehrer
waren) das wundervolle Gebiet der vergleichenden Morphologie weiter auszubauen und mit Hilfe der modernen Entwicklungslehre zu einer festen Grundlage fur die gesamte
2

�18
monistische Philosophie und Religion zu gestalten. Das Programm dieser zielbewuBten Lebensarbeit habe ich 1866 in
meiner „Generellen Morphologie“ festgelegt und sie in
den vier Monographien der Radiolarien, Spongien, Medusen
und Siphoriophoren weiter ausgefiihrt. Allein das hochste mir
stets vorschwebende Ziel, darauf ein zusammenhangendes System
der monistischen Philosophie aufzubauen, habe ich zu meinem
Bedauern niemals ausfiihren konnen. Ich hoffe jedoch, daB
bald befahigtere und vom Gluck begiinstigtere Nachfolger
dieses herrliche Ziel erreichen werden. Der sicherste Weg
dazu bleibt stets die genetische und vergleichende Methode,
die kritische Verbindung von „ Beobachtung und Reflexion “,
von Empirie und Spekulation.
Historische Methoden. Im Gegensatze zu den sogenannten „exakten“ Naturwissenschaften befinden sich die Geschichtswissenschaften im engeren Sinne; sie behandeln
Erscheinungen, welche nicht unmittelbar der Beobachtung und
dem Experiment der Gegenwart zuganglich sind, sondern der
Vergangenheit angehdren. Ihre Quellen beruhen daher groBtenteils auf Uberlieferung oder Tradition; sie sind mithin dem
Zweifel, der Skepsis ausgesetzt. Soweit sich die Geschichte auf
menschliche Verhaltnisse bezieht (Urgeschichte, Volkergeschichte,
Staatengeschichte usw.), ist diese Uberlieferung um so unsicherer,
je weiter sie in der Zeit zuriickgeht; ihre Urkunden werden
um so sparlicher und unvollstandiger, je weiter sie sich im
Dunkel der Urzeit verlieren. Hier existiert keine scharfe Grenze
zwischen Tradition, Sage, Mythus und Dichtung.
Anders verhalt sich diejenige Geschichte, welche auBermenschliche: Verhaltnisse betrifft, die Stammesgeschichte der
Organismen (Phylogenie), die Geschichte der Erde (Geologie),
die Geschichte der anorganischen Gebilde, des Himmels (Astro­
nomic usw.). Hier erlangen die Zeugnisse, welche sich auf reale
Beobachtungen einzelner Zustande stiitzen, durch kritische
Vergleichung und Synthese einen so hohen Grad von Wahrscheinlichkeit, daB die wissenschaftliche Hypothese fur den

�19
kritisch denkenden Naturphilosophen den Wert einer historischen Tatsache gewinnt. Das gilt ganz besonders fur die
Palaontologie und die darauf gestiitzte Stammesgeschichte, na[ mentlich diejenige des Menschen.
Introspektive Methoden. Fur die Erkenntnistheorie der
meisten Philosophen ist in erster Linie die Selbstbeobachtung die wichtigste Quelle, die Spekulation uber die verwickelten Vorgange des Seelenlebens, welche in unserem Innern stattfinden. Soweit es sich dabei um Erscheinungen des BewuBtseins handelt, ist dieser Weg der Erkenntnis durchaus berechtigt;
denn die subjektive „innere Anschauung“ unseres Selbst,
welche die Physiologie mit einer Spiegelung vergleicht, ist
hier uberhaupt der einzig mogliche Weg. Ich habe meine monistischen Ansichten uber dieses „Psychologische Zentral-Mysterium“ im 10. Kapitel der „Weltratsel“ und im 14. Kapitel der
„Lebenswunder“ eingehend dargelegt; dort ist gezeigt, daB diesea
schwierigste Problem der Seelenkunde, ebenso wie alle anderen
psychischen Phanomene, auf physikalische und chemische Prozesse im Phronema, in den Phronetalzellen der Grofihirnrinde
zuriickzufuhren sind. Auch hier liefert uns die vergleichende
und genetische Betrachtung den Schlussel zur objektiven
Losung des Weltratsels, die auf bloB subjektivem Wege ungeniigend bleibt. Das ist um so mehr zu bedenken, als gerade
auf diesem dunkeln Gebiete die Irrwege des Aberglaubens, die
spiritistischen und okkultistischen Verirrungen, sich mit groBem
Erfolge geltend machen und die dualistische Erkenntnistheorie
fordern, zu ungunsten unserer monistischen Philosophie und
vernunftgemaBen Religion.

Dualistische Erkenntnistheorie.
Die herrschende Erkenntnistheorie der Schulphilosophie ist
noch heute, ebenso wie seit zweitausend Jahren, dualistisch und
metaphysisch; im Einklang mit der Theologie behauptet sie, daB
nur ein Teil der Wissenschaft auf Erfahrung (durch die Tatigkeit der Sinnesorgane und des Gehirns) beruhe, der andere,
2*

�20

hohere Teil hingegen auf Offenbarung („Revelation oder Apocalypsis44). Dieser iibernatiirliche (supranaturalistische oder trans*
szendente) ProzeB iibersteigt unsere Vernunftfahigkeit und ist
nur direkt durch „gdttliche Inspiration4* oder durch „Intuition
des Geistes44 moglich; sie wird auch oft als „Inneres Erleben
Gottes44 gepriesen. Die Annahme einer solchen Inspiration
notigt uns zu der Vorstellung, daB die hbheren Gedanken
a priori entstanden und unmittelbar auf gottliche, iibernatiirliche
Eingebung zuriickzufiihren sind. Somit fiihrte die dualistische
Erkenntnistheorie zum Glauben an einen „personlichen Gott45,
zum Ontheismus.
Der prinzipielle Gegensatz der beiden Erkenntniswege, der
monistischen Erfahrung und der dualistischen Offenbarung
gipfelt in der Wertschatzung der Vernunft. Unsere empirische
und monistische Erkenntnislehre, wie sie heute im ganzen Ge­
biete der Naturwissenschaften allein gilt, erkennt als Richtschnur ausschlieBlich die „reine Vernunft44 an. Hingegen
behauptet die dualistische Weltanschauung, wie sie noch heute
in den sogenannten „Geisteswissenschaften“ maBgebend ist, in
der Theologie und Schulphilosophie, daB daneben noch die
Forderungen des Gemiites, die Anspriiche der „praktischett
Vernunft44 gelten miissen. Beide stehen in unlosbarem Widerspruch, wie die beriihmten „Antinomien von Immanuel Kant44
zeigen (vgl. die fiinfte Tabelle unten im Anhang, S. 68, und
Kapitel 1 der „Weltratsel44).
Das Gemiit hat mit der Erkenntnis der Wahrheit gar nichts
zu tun. Die Vorstellungen vom Ubernatiirlichen und Transszendenten, die Erzahlungen von Wundern und Geisterspuk
welche hier die Erkenntnis der Wahrheit verdecken, gehoren
dem Gebiete der Dichtung an, nicht der Wissenschaft.
tere legt iiberall den kritischen MaBstab der reinen Vernunft
in der Realwelt an, wahrend die Dichtung sich mit den
Phantasiebildern der Idealwelt begniigt. Die unklaren Vor-&gt;
stellungen uber diese zwei Welten, wie sie z. B. in der neuesten
Mode-Philosophie Bergson) — mit schonen Reden, aber sehr

�21
geringer Sachkenntnis! —) erfolgreich vertritt, der Glaube an
eine „hbhere ideale Welt liber der realen Natur “ fiihren direkt
hinuber zu dem Geisterspuk der niederen Naturvolker und dem
Wunderglauben der ontheistischen Religionen.
Die reine Vernunft, deren Begriff durch Kants Kritik
(1781) in den Vordergrund der Erkenntnistheorie gestellt worden
ist, gilt in unserer monistischen Naturphilosophie nur noch in
dem Sinne, daB wir darunter die „voraussetzungslose Erkenntnis“, frei von allem Dogma, unbefangen von alien GlaubensSatzen verstehen. Kant selbst hat spater betont, daB „die
Wahrheit nur in der Erfahrung zu finden ist“ (vgl. Kap. 14
tmd 19 der „Lebenswunder“).

Losung des Menschen-Ratseis.
(Anthropologische Fundamente des Monismus.)

Die Frage vom Wesen des Menschen und seiner Stellung
in der Natur wird von Vielen mit Recht als 'die nachstliegende
und wichtigste Aufgabe der^Wissenschaft betrachtet; sie ist seit
fiinfzig Jahren endgiiltig gelost. Seiner ganzen Organisation
nach gehort der Mensch zum Stamm der Wirbeltiere (Vertebrata) und zwar zu dessen hochststehender Klasse, zu den
Saugetieren (Mammalia). In dieser Klasse wird wieder als
nochst entwickelte Gruppe die Ordnung der Herrentiere
(Primates) betrachtet, zu welcher die Halbaffen (Prosimiae), die
Affen (Simiae) und die Menschen (Homines) gehoren. Die unbefangene vergleichende Anatomie lehrt unzweideutig, daB der
Mensch in alien Beziehungen des groberen und feineren Korperbaues den Affen naher steht als alien iibrigen Tieren. Dasselbe zeigt uns die vergleichende Physiologie in bezug auf alle
Lebenserscheinungen und die vergleichende Ontogenie hinsichtlich der embryonalen Entwicklung.
Die monistische Anthropologie, gestiitzt auf das Biogenetische Grundgesetz, erblickt in der wunderbaren Formenreihe, welche der Mensch wahrend seiner individuellen Ent­

�22
wicklung aus der Eizelle durchlauft, eine gedrangte und gekiirzte Wiederholung der Formenreihe, welche seine tierischen
Ahnen wahrend ihrer phyletischen Umbildung im Laufe vieler
Jahrmillionen durchlaufen haben. Die handgreiflichen Beweise
fiir diese historische Transformation liefern uns die versteinerten
Oberreste der ausgestorbenen Wirbeltiere, welche in Sedimentgebirgen der Erde begraben liegen. Die festgestellte historische
Reihenfolge, in welcher die einzelnen Klassen und Ordnungen der
Wirbeltiere nacheinander in denselben auftreten, entspricht vollkommen der Stufenleiter der historischen Entwicklung, welche
wir aus den Ergebnissen der vergleichenden Anatomie und
Ontogenie erschlieBen. Da eine andere Deutung derselben als
eine phylogenetische nicht moglich, auch gar nicht ernstlich
versucht worden ist, so erblicken wir darin den sichersten direkten Beweis fiir die Abstammung des Menschen von einer
langen Reihe ausgestorbener Wirbeltiere, zunachst Herrentiere.
Die viel umstrittene Primaten-Abstammung des Menschen
ist demnach heute keine unsichere Hypothese mehr, sondern
eine unumstoBliche historische Tatsache (vgl. unten Tab. 8).
Die dualistische Anthropologie, welche auch heute noch
in weitesten Kreisen herrschend ist, hat gegeniiber diesen hand­
greiflichen „Zeugnissen fiir die Stellung des Menschen in der
Natur“ einen schweren Stand; sie sucht deren Beweiskraft mit
alien Mitteln zu leugnen oder durch falsche Deutung zu entwerten. Die spezifisch christliche Menschenkunde erblickt im
Menschen das „EbenbildGottes“; sie muB daher die verhaBte
„Affen-Abstammungu entweder direkt bestreiten oder durch das
Mysterium des „Siindenfalles“ erklaren. Die verzweifelten Anstrengungen, welche in dieser Richtung sowohl die rechtglaubige
Theologie als auch die dualistische, mit ihr verbiindete Metaphysik seit einem halben Jahrhundert gemacht hat, sind ganzlich erfolglos geblieben; sie haben nur dazu gefiihrt, unsere
Gegenstellung zu befestigen. Wir durfen daher jetzt das groBe
Menschenproblem fur definitiv gelost erklaren. Bei der
fundamentalen Bedeutung dieser wissenschaftlichen Erkenntnis

�23
ist es zweckmaBig, deren wichtigste Fundamente hier nochmals
auf ihre empirische Sicherheit zu priifen.
Anatomische Fundamente (Wl. Kap. 2). Die erste und
unmittelbarste Grundlage der monistischen Menschenkunde bildet die vergleichende Anatomie oder Morphologie. Im Anfange
des 19. Jahrhunderts begriindet, hat sich diese philosophische
Wissenschaft in dessen Verlaufe zu bewunderungswiirdiger Hohe
entwickelt. Kein sachkundiger Zoologe zweifelt mehr daran,
daB der ganze Organismus des Menschen in den allgemeinen
Grundziigen mit demjenigen aller iibrigen Wirbeltiere (Vertebrata) ubereinstimmt, und in alien besonderen Eigentiimlichkeiten mit demjenigen der hochst entwickelten Klasse, der
Saugetiere (Mammalia). Unter diesen letzteren zeichnet sich
wieder die vornehmste Ordnung, die der Herrentiere (Primates)
vor den iibrigen Saugetieren durch viele und wichtige Merkmale des Korperbaues aus; die Halbaffen (Prosimiae) stellen
die altere und niedere, die Affen (Simiae) die jiingere und
hohere Stufe der Primatengruppe dar. Unter den echten Affen
fiihrt wieder eine zusammenhangende Kette von den niederen
Westaffen zu den hoheren Ostaffen hinauf, und unter diesen
bilden die schwanzlosen Menschenaffen den direkten morphologischen Ubergang zum Menschen. Diese nahe „Morphologische Verwandtschaft“ gilt ebenso fur die groberen anatomischen Verhaltnisse aller einzelnen Organe, wie fur die feineren
histologischen Verhaltnisse ihrer Gewebe und der mikroskopischen Zellen, welche diese zusammensetzen. Das sind sichere
Tatsachen von hochster Bedeutung.
Physiologische Fundamente (Wl. Kap. 3). Die Lebenstatigkeiten des menschlichen Organismus, die physiologischen
Funktionen seiner Organe, sind beim Menschen wie bei alien
anderen Tieren, an die anatomische und histologische Beschaffenheit seiner Organe gebunden und durch deren physikalische
und chemische Eigenschaften bedingt. Da deren charakteristische Grundziige bei alien Wirbeltieren im wesentlichen iibereinstimmen und von denjenigen aller iibrigen Tiere verschieden

�24

sind, so ergibt sich ohne weiteres, daB auch in dieser Hinsicht
der Mensch keine Ausnahme von den Wirbeltieren bildet.
Ebenso sind es wieder die Saugetiere, deren besondere physiologische Eigentiimlichkeiten er teilt, und unter diesen wiederum
die Affen. Namentlich gilt das von der eigentiimlichen Form
des Blutkreislaufs und der Atmung, sowie von der Ernahrung
des Jungen durch die Milch der Mutter. Da diese hohere Form
der „Brutpflegew nicht nur andere Organe beeinfluBt, sondern
auch fiir die hohere Seelentatigkeit der Saugetiere von hoher
Bedeutung ist (Mutterliebe, Familienleben, soziale und moralische
Verhaltnisse), so ist besonderes Gewicht auf diese nahe „Physiologische Verwandtschaft“ zu legen. Das sind sichere
Tatsachen.
Ontogenetische Fundamente (Wl. Kap. 4,8). Die Existenz
jeder einzelnen menschlichen Person, ebenso wie diejenige jedes
anderen, geschlechtlich erzeugten Wirbeltieres, beginnt mit dem
Momente der Befruchtung, mit dem Augenblicke, in welchem
die Eizelle der Mutter mit der Spermazelle des Vaters zusammentrifft. Beide Geschlechtszellen, gegenseitig angezogen durch eine
chemische Sinnestatigkeit (— „ErotischerChemotropismus“—),
verschmelzen dann zur Bildung einer neuen kugeligen Zelle,
der Stammzelle (Cytula). Aus dieser entstehen weiterhin durch
wiederholte Teilung oder „Furchung“ zahlreiche Zellen, die
„Furchungszellen“ (Blastomeren). Diese ordnen sich in zwei
Zellenschichten, die beiden „Primaren Keimblatter“, aus welchen
sechs „Primitivorgane“ hervorgehen. Die Art und Weise, auf
welche alle spateren Organe aus letzteren in hochst eigentiimlicher Weise sich entwickeln, ist fur alle Wirbeltiere charakteristisch; sie erfolgt beim Menschen genau so wie bei den Menschenaffen. Insbesondere ist auch die Bildung der Eihiillen und der
Plazenta (des Mutterkuchens) in beiden ganz iibereinstimmend.
Somit liefert die Keimesgeschichte (Ontogenie) vollgiiltige Beweise fur die nahe „Embryologische Verwandtschaft“ des
Menschen und der Saugetiere; und diese werden zu den schwerwiegendsten Argumenten der monistischen Philosophie, wenn

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Seber 23anb kartoniert 1 9Hnrit 20 $5f.

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^aeckeis „933eltratfel" finb fiir bie benkenben, eljrlid) bie SBabrfjeit
fudjenben Sebiibeten aller Stanbe beftimmt; fie enttjalten ben Vibrin ,
einer geitgemafjen, naturroiffenfcfjaftlidjen 2lnfd)auung.

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&amp; renb in legteren bie allgemeinen ©runbfragen ber gefamten Uiatur*
erkenntnis beleud)tet roerben, befdjrdnken fid) bie Eebensrounber auf bas
(Sebiet ber organifdjen 9laturroiffenfd)aft, ber Eebenskunbe.

$rtttk ber reitten “Bernunft. sonSmmanuei «&lt;mt
SBolfcsausgabe::

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&lt;7%iefe neue Slusgabe bringt bie „$ritik ber reinen 25ernunft" in
-V ber Saffung ber groeiten Thiflage non 1787, bie als Slants letjtroiilige
unb enbgiiltige gu begeidjnen ift; fie roirb nidjt nerfeijien, bas kritifdje
SJenken in meiteren 5?reifen gu roedren unb gu ftarken.

©ie etbik. 95on 25atud) 6pino&gt;a
SBolfcsansgabe::

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:: SJSrets 19Jt. 20 S|5f.

(T\ie Sbee ber € i n f) e i t b e s 2111 s, bie l)ier mit burdjbringenbfter 25erj^nbes4/ fcfjarfe, nerbunben mit grengenlofer Uneigenniikigkeit unb reiner 2Renfdj*
lidjkeit, ausgefprodjen ift, roirb ben £efer in ben 93ann biefes SBeifen fdjlagen,
ber fid) gum Sipfel bes 5)enkens emporgeijoben Ijat.

^5Ijilofoptyie b. Uttb e WU|ten.
SSolIisausgabe in 2 SJanben ::

71

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&lt;Bon&amp; v. ^artmami

:: ^rets 2 9)1. 40 ^3f.

&lt;?\em £efer ift burd) biefe Qlusaabe ®elegertfjeit gegeben, bas padtenb gefrf)rie=
-Vbene Sugenbroerk bes beriifjmten %5!)ilofopljen unb bamit bie ailgemeinen
©runbgebanken ber S)artmannfd)en SBeltanfcfjauung in einer oerkiirgten, aber
alle roefentlidjen Seile unnerdnbert roiebergebenben S=orm kennen gu lernen.
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©as ©Men ber Religion. Bon £. ^euerbad)
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SJSretS 1 SOI. 20 $f.

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CReuerbadjs Borlefungen iiber bas BJefen ber ^Religion entfjaiten
bie SpntljeJe feiner religions* unb naturpl)ilofopt)ifd)en ©ebanken unb
in oieler ^inficgt bas abgerunbetfte Bilb feiner gangen B3eltanfd)auung. *

©as ©Men bes Cljriftentums.
^olksausgabe ::

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Bon 2. ^eu erbad)
^3reis 1 SOI. 20 S|3f.

o tief roie 3euerbad) fjat nod) niemanb roieber bas roafjre B3efen bes
Gljriftentums, ber ‘■Religion iibertjaupt erfafjt, als roeldjes er bas
SXBefen ber 9Renfd)I)eit unb Blenfdjlidjbeit felbft erkannt tjat

6

® efdjidjte bes ©lateriafisimis.
^olksausgabe tn 2 ^tinbett

3.si. Cange

:: :: :: ^Sreis 2 SOI. 40 $f.

£anges ©efd)idjte bes SIRateriatismus ift ein Bud), roeldjes rootjl
geeignet erfdjeint, gur Planing ber Begriffe in ben B3eltanfd)auungs*
kampfen ber ©egenroart roefentlid) beigutragen.

©ie ©rbeiterfrage.
QMfcsattsgabe :: ::

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3. u Cange

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:: ^3rets 1 SOI. 20 spf.

C^iefes eingigartige Bud) bilbet bie non ftiirmifdjer Begeifterung getragene
'•*' Sat eines SRannes, ber als 9Renfd) in liebeooller unb giitiger 5Renfd) =
lid)belt fid) bem ungefjeuren problem genatjert Oat.

©er 9ieid)tum ber ©ationen. son swam 6mtty
^olksausgabe in 2 23dnben » «

«

:♦. ^Sreis 2 SOI. 40 $5f.

6mitt)s ©rorterungen uber ©rbeitsteilung, SJreifyanbel, freien B5ettberoerb
ber ©rbeit, ©rbeitsloljn unb^apitalgeroinn, ©runb= unb Bobenrente ufro.
roirb niemanb oljne Sntereffe unb ©eroinn fiir feine politifdje ©infidjt lefen.

®mil ober liber bie Srgieljung. »onS.3.9toitffeau
^olksaitsgabe itt 2 ^dnbeit

«

:: SJSreis 2 SOL 40

n biefcm funbamentalen B5erke ber g3abagogik, Ctl)ik unb Sfriltur*
Bl)ilofopt)ie roenbet fid) Bouffeau gegen bie oortviegenbe Berftanbes*
bilbung' unb forbert Biickkeljr gur ©infadjljeit ber ‘■Ratur.

3

1------------------

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3u bejieljen burd) alle SBudjtjanblungen
£rnft Qet&gt;rtd? Uadjf., &lt;3. tn. b.

Eeipjlg

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�25
wir sie nach dem Biogenetischen Grundgesetze deuten. Wenn
unsere Anthropogenie dieselbe fur die vielbestrittene „Abstammung des Menschen vom Affen “ benutzt, so stiitzt sie sich dabei auf unbestreitbare sichere Tatsachen.
Palaontologische Fundamente. Unter alien realen und
beweiskraftigen Urkunden unserer Stammesgeschichte konnen
die Tatsachen der Palaontologie in gewisser Beziehung als die
wichtigsten angesehen werden. Denn die Versteinerungen, die
wir millionenfach in den sedimentaren Gestein-Schichten unserer
Erde angehauft finden, sind die handgreiflichen Uberreste der
ausgestorbenen Vorfahren der jetzt lebenden Organismen, also
auch des Menschen. Aber diese Erkenntnis ist erst sehr spat,
erst in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts gewonnen worden, nachdem Darwin durch seine Reform der Deszendenztheorie
uns den Schlussel zum Verstandnis der Phylogenie geschenkt
hatte. Vorher bekiimmerten sich um die „Petrefaktenu fast
nur die Geologen, die in den „Leitfossilien“ wertvoile Anhaltspunkte fur die Altersbestimmung und historische Ordnung der
iibereinanderliegenden Sedimentgesteine erblickten. Die Natur
und die Beziehungen der ausgestorbenen Tiere und Pflanzen,
von deren Organisation uns die unvollstandigen fossilen Uber­
reste nur unvollkommene Kunde geben, war ihnen hochst gleichgiiltig und erweckte nur das Interesse der Kuriositat. So wurde
die „Petrefaktologie“ als „anorganische Naturkunde“ mit
der Geologie verkniipft. Hingegen gehort die eigentliche
moderne „Palaontologie“, d. h. die wissenschaftliche Erkennt­
nis der Organisation der ausgestorbenen Lebewesen, sowie ihrer
Verwandtschafts-Beziehungen zur gegenwartigen Fauna und Flora,
in das Bereich der Biologie. Leider haben die meisten Zoologen und Botaniker auch heute noch, wie friiher, an diesen
hochst wichtigen Tatsachen ein sehr geringes Interesse; das gilt
namentlich von jenen einseitigen „Empirischen Embryologen“
und Vertretern der „Experimentellen Entwicklungsmechanik“,
welche lediglich in der genauesten Erforschung der Keimesgeschichte, ohne kausale Beziehung zur Stammesgeschichte, ihre

�26
einzige Aufgabe erblicken. Sie bestreiten den „ Fundamen­
tal en Kausalnexus zwischen Ontogenie und Phylogenie", der
in unserm „Biogenetischen Grundgesetz“ seinen einfachsten
Ausdruck findet. Viele Irrtiimer dieser modernen (sich exakt
nennenden) Embryographie und Entwicklungs-Physiologie wiirden vermieden werden, wenn sie die historische Reihenfolge der
ausgestorbenen Formen und ihre phyletischen Beziehungen zu
den lebenden Nachkommen beriicksichtigten; sichere Tatsachen von hochster Bedeutung.

Unsere Ahnenreihe. Progonotaxis hominis.
Unter diesem Titel veroffentlichte ich 1908 „Kritische Studien uber Phyletische Anthropologic" (Festschrift zur 350jahrigen Jubelfeier der Thiiringer Universitat Jena und der damit
verbundenen Ubergabe des Phyletischen Museums, am 30. Juli
1908; mit 6 Tafeln). Diese kurze Studie (60 Seiten) enthalt
eine zusammengedrangte kritische Ubersicht und Revision der
phylogenetischen Untersuchungen, welche ich 1866 in der Generellen Morphologie (Kap. 27, 28) begonnen hatte. Die erfreulichen Fortschritte, welche diese historischen Forschungen uber
die Abstammung des Menschen in den 48 seitdem verflossenen
Jahren gemacht haben, sind ersichtlich aus einer Vergleichung
der zahlreichen inzwischen erschienenen Arbeiten, und besonders
der ersten Auflage der Anthropogenie (1874) und der sechsten
Auflage (1910). Die Zahl der wichtigsten Stufen in unserer
tierischen Ahnenreihe hatte ich schon 1898 in meinem Cam­
bridge-Vortrage „Uber unsere gegenwartige Kenntnis vom Ursprung des Menschen“ auf 30 fixiert; sie sind in der Festschrift
(1908) auf sechs Strecken verteilt und in Tabellen iibersichtlich
zusammengestellt. (Vgl. unten Tabelle 7 und 8, Seite 70, 71.)
Die tatsachlichen Grundlagen, auf denen sich unser phyletisches Hypothesen-Gebaude erhebt, sind wegen der groBen Liickenhaftigkeit des palaontologischen Materials natiirlich unvollstandig
und werden immer so bleiben im Einzelnen. Das hindert

�aber nicht, daB wir im Ganzen daraus gewisse Schliisse ziehen,
&gt; die fur unsere Stammesgeschichte sichere Grundlagen liefern.
IDarunter steht in erster Linie die historische Reihenfolge,
r in der die Klassen und Ordnungen der Wirbeltiere nacheinander
puftreten. In der zweiten Halfte unserer Progonotaxis (S. 71),
.die im Silur beginnt und sich unmittelbar auf Tausende von
wohlerhaltenen Petrefakten (-handgreifliche Urkunden!—) stiitzt,
erscheinen zuerst (Millionen von Jahren hindurch!) nur Fische,
im silurischen und devonischen Schichtensystem. Erst in der
Steinkoblenzeit, im karbonischen System, treten die altesten
landbewohnenden und vierfiiBigen Vertebraten auf, salamanderahnliche Amphibien (Stegocephalen). Auf sie folgen spater
im permischen System die altesten Reptilien, eidechsen-ahnliche Tokosaurier. Erst in der dariiber abgelagerten Trias, der
altesten mesozoischen Formation, treten die Stammformen der
Saugetiere auf, die niedersten Implazentalien (Monotremen).
In der ganzen Sekundarzeit, in Trias-, Jura- und Kreide-Formation, besteht die iiberwiegende Herrschaft der Reptilien, und
erst in der nachfolgenden Tertiarzeit geht dieselbe auf die
hbheren plazentalen Saugetiere uber. Auch hier entspricht
die historische Sukzession der groBeren und kleineren Gruppen
durchaus den phyletischen Entwicklungsgesetzen; das sind si­
chere Tatsachen, deren Wert nicht iiberschatzt werden kann.

Losung des Seelen- Ratseis.
(Psychologische Fundamente des Monismus.)
Die Frage vom Wesen der Seele des Menschen, von ihrem
Verhaltnis zum Korper und andererseits zu Gott, von ihrer
Fortdauer nach dem Tode, gehort zu den strittigsten Problemen
der Wissenschaft. Das zeigt sich schon darin, daB die Seelenkunde oder Psychologie von der groBeren Halfte der Fachgelehrten (den Theologen und den sogenannten „eigentlichen
Psychologen“) als eine iibernaturliche „Geisteswissenschaft“
in Anspruch genommen wird, hingegen der kleineren Halfte

�28
(den meisten Medizinern und empirischen Naturforschern) als
ein besonderer Zweig der Naturwissenschaft gilt. Naeh
meiner festen Uberzeugung ist dieser groBe „Kampf um die
Seele“ seit fiinfzig Jahren endgiiltig zugunsten dieser letzteren
entschieden. Die bewunderungswiirdigen Fortschritte der Biologie in diesem Zeitraume haben uns gelehrt, daB die „Seele“
oder der „ Geist “ des Menschen kein besonderes, vom Korper
unabhangiges „Wesenu ist, sondern eine Summe von Gehirntatigkeiten. Die vergleichende Anatomie des Gehirns hat 11ns
iiberzeugt, daB der grobere und feinere Bau, ebenso wie die
chemische Zusammensetzung des Gehirns, im allgemeinen beim
Menschen dieselben sind, wie bei alien anderen Saugetieren, im
besonderen aber gleich denjenigen der Menschenaffen. Die ver­
gleichende Physiologie und Psychiatrie haben nachgewiesen,
daB die Funktionen dieses „Seelenorgans“ beim Menschen durch
dieselben Gesetze der „Psychophysikw bedingt sind, wie bei
alien anderen Wirbeltieren. Auch seine embryonale Entwick­
lung erfolgt in derselben Weise; die einfache birnformige Anschwellung der primitiven Hirnblase gliedert sich iiberall auf
dieselbe Weise in drei hintereinandergelegene Hirnblasen: Vorderhirn, Mittelhirn und Hinterhirn. Die wichtigste von diesen
ist das Vorderhirn oder GroBhirn; ein Teil seiner grauen Rinde
entwickelt sich bei den hoheren Saugetieren zum Denkorgan
(Phronema). In diesem eigentlichen „Geisteswerkzeuge“ sind
die hoheren Seelentatigkeiten dergestalt lokalisiert, daB die Zerstorung einzelner Zentralteile (durch Erkrankung oder durch
physiologisches Experiment) den Verlust der einzelnen, daran
gebundenen Seelentatigkeiten bedingt (z. B. Sehvermogen, Gehor,
Sprache, Raumsinn, Willen). Daraus ergibt sich klar und unzweideutig, daB es keinen „freien Willen“ gibt und ebenso keine
personliche Unsterblichkeit der Seele.
Unsere monistische Psychologie befindet sich freilich
noch in den Kinderjahren; sie vermag viele einzelne „Seelenratsel“ nicht zu erklaren. Namentlich gilt dies vom BewuBtsein, das von vielen Philosophen und Naturforschern immer

�29
noch ate ein „unlosbares Weltratsel“ betrachtet wird. Ich habe
indessen gezeigt, daB dieses „psychologische Zentralmysterium“
nicht mehr und nicht weniger wunderbar ist als alle iibrigen
Seelentatigkeiten, und daB es gleich alien anderen Naturerscheinungen dem Substanzgesetze unterworfen ist. Vergleichende
Betrachtung unserer eigenen personlichen Seelentatigkeit iiberteugt uns bei unbefangener Selbstkritik, daB der weitaus groBte
Teil derselben tatsachlich unbewuBt verlauft; die „innere
Spiegelung“ im Phronema, welche das eigentliche Wesen des
BewuBtseins ausmacht, ist ein voriibergehender Zustand der
GroBhirnrinde (Kap. 10 der Wl.).
Die dualistische Psychologie, die „iibernatiirliche Seelenkunde“, welche immer noch in den Kreisen der Theologie und
der mit ihr verbiindeten Schulphilosophie herrschend ist, be­
trachtet die Seele als ein immaterielles, selbstandiges Wesen,
welches den materiellen Korper nur zeitweise bewohnt und
jhn. beim Tode verlaBt. Zu welchen Irrungen der Vernunft
diese ,,Unsterblichkeitslehre“ fiihrt, zeigen die absurden Spuklehren des Spiritismus und Okkultismus. Sie wiirden langst
iiberwunden sein, wenn nicht das „Gespenst“ der unsterblichen
Seele eine so groBe Rolle in der praktischen Sittenlehre und
in der staatlich konzessionierten Religion spielte.

Empirische Grundlagen der monistischen
Psychologie.
Da die Erkenntnis ein Teil unserer Seelentatigkeit ist, so
bildet auch die vielumstrittene Erkenntnistheorie einen Teil
der Seelenlehre oder Psychologie. Da ferner die vorgeschrittene Psychologie in der zweiten Halfte des neunzehnten
Jahrhunderts als ein besonderes Kapitel der Physiologie er*wiesen ist, so gelten auch deren Gesetze, auf sicherer physikalischer und chemischer Basis ruhend, fur die gesamte Seelenkunde. Nun wissen wir auch sicher, daB das Gehirn beim
Menschen wie bei alien anderen Wirbeltieren das wirkliche

�30
Organ des Seelenlebens ist. Mit seiner Zerstdrung hort die
Seelentatigkeit auf. Wir wissen ferner, daB die hochststehende
Klasse der Saugetiere sich vor den anderen Wirbeltieren durch
eine hohere Entwicklung des GroBhirns auszeichnet und daB
dessen graue Rinde das eigentliche „Geistesorgan“ darstellt. Die
vergleichende Gehirnkunde der Wirbeltiere (Anatomie und
Histologie) enthiillt uns die lange Stufenleiter, in der sich
seit vielen Jahrmillionen langsam und stufenweise die verwickelten Gehirnstrukturen, entsprechend der Hohe ihrer Leistungen, historisch entwickelt haben. Die vergleichende Keimesgeschichte dieser verschiedenartigen Vertebratengehirne zeigt
uns ferner, daB sie sich samtlich aus denselben einfachen Grundlagen, aus dem blasenformigen Kopfteil des Markrohrs oder Medullarrohrs noch heute entwickeln; iiberall teilt sich dieses Urhirn
in gleicher Weise in drei primare Hirnblasen: Vorderhirn (GroBhirn), Mittelhirn (Zwischenhirn) und Hinterhirn (Kleinhirn). Nur
die erste von diesen drei Hirnblasen, das GroBhirn, ist das
Werkzeug der hoheren Geistestatigkeit; mit seiner Zerstorung
(z. B. durch Gehirnschlag, durch Erkrankung der Seelenzellen,
durch experimentelle Vernichtung) verschwindet der sogenannte
„Geist“, wahrend die vegetativen Funktionen der Ernahrung
ungestort fortgehen konnen. Mit diesen sicheren Ergebnissen
der anatomischen und genetischen Hirnforschung stehen in
volliger Ubereinstimmung die bedeutungsvollen Resultate der
vergleichenden und der experimentellen Physiologie, sowie der
Pathologie (Psychiatrie).
Unsere monistische, objektiv auf diese Erfahrungen gegriindete Seelenlehre steht in volligem Widerspruch zu der dualistischen, subjektiv erdichteten Psychologie, wie sie noch heute
durch die herrschende metaphysische Philosophie und die mit
ihr verbiindete mystische Theologie gelehrt wird. Diese ignoriert
jene grundlegenden biologischen Tatsachen vollstandig; sie
will die Tatigkeit der Seele und das Wesen des Geistes allein
durch ihre innere Selbstbeobachtung, die introspektive Methode
ergriinden. Der unversonliche Gegensatz, in welchem diese

�31
[ transszendente Seelenlehre der Metaphysiker und Theologen zu
’ der empirisch begriindeten Psychologie der Biologen und Psykchi ater steht, ist deshalb von so fundamentaler Bedeutung, weil
die erstere sich mit dem Dogma von der Unsterblichkeit der
Seele verkniipft, wahrend die letztere dasselbe ablehnen muB.

Unsterblichkeit der Seele (Athanismus).
Die erstaunlichen Fortschritte, welche die monistische Psy­
chologie in dem letzten halben Jahrhundert gemacht hat, die
gesicherten Ergebnisse der objektiv urteilenden Anatomie und
Physiologie des Gehirns, insbesondere die „Keimesgeschichte
und Stammesgeschichte der Seele haben uns zu der klaren
Erkenntnis gefiihrt, daB der weitverbreitete „Glaube an die
Unsterblichkeit der Seele “ jeder wissenschaftlichen Begriindung
entbehrt. Ich habe bereits im elften Kapitel der „Weltratsel“
die schwerwiegenden Griinde zusammengestellt, welche dieses
„hdchste Gebiet des Aberglaubens“ vernichten. Allein die enge
Verknupfung desselben mit den wichtigsten Glaubenslehren des
Christentums, der zahe Widerstand, welchen diese „unzerstorbare
Zitadelle aller mystischen und dualistischen Vorstellungskreise“
alien Angriffen der kritischen und reinen Vernunft entgegensetzt, besonders aber seine hohe Bedeutung sowohl fur die
theoretische Weltanschauung wie fur die praktische Lebensfiihrung, zwingen uns, seine volligeUnhaltbarkeit ganz ausdriicklich zu betonen. Das ist namentlich deshalb notwendig,
weil der Athanismus (das herrschende „Unsterblichkeitsdogma“)
die metaphysische und dualistische Erkenntnistheorie von vornherein in ganz falsche Bahnen fiihrt; die Voraussetzung eines
selbstandigen, vom Korper unabhangigen Geistes schlieBt alles
Verstandnis der wahren Seelentatigkeit aus.
Tatsachlich ist fur die allermeisten Menschen, ebenso die
hoheren „Gebildeten“ der Gegenwart, wie die niederen Klassen
des ungebildeten Volkes, seit mehr als zwei Jahrtausenden ihre
personliche Unsterblichkeit die wichtigste von alien Fragen der

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„Weltratsel44; sie ist ihnen wertvoller selbst als die Frage nach
dem „lieben Gott44 und nach der Freiheit des Willens. Unzufrieden mit den vielen Mangein dieses irdischen Daseins, unbefrie*
digt von den Ergebnissen seiner miihseligen Arbeit, gequalt von
Hindernissen im Kampfe urns Dasein, verlangt der arme Mensch
nach einem hoheren besseren Leben in einem idealen „Jenseits“,
nach einem „ewigen Leben“ im Paradiese. Diese „frommen
Wiinsche44 sind im Gebiete der Dichtung vollberechtigt und
linden im schonen Reiche der Kunst ihre vielseitige Befriedigung; sie konnen auch praktisch fur viele Aufgaben der
Lebensfiihrung, insbesondere fur die Schule und Erziehung, von
groBem Nutzen sein. Die reine Vernunft, auf den unwiderleglichen Tatsachen der Biologie fuBend, iiberzeugt jedoch den
unbefangenen und ehrlichen Denker mit voller Sicherheit, daB
der Athanismus mit der klar erkannten Wahrheit vollig unvereinbar ist; die Wissenschaft kennt keine „personliche
Unsterblichkeit der Seele44. Diese schwerwiegende Uberzeugung ergibt sich fiir uns aus den unerschiitterlichen empirischen Grundlagen unserer phyletischen Psychologie.

Losung des Substanz-Ratseis.
(Kosmologische Fundamente des Monismus.)
Die Frage vom Wesen der Welt, in der wir leben, von der
Wirklichkeit der Dinge, die uns umgeben, ist die umfassendste
und allgemeinste Aufgabe der eigentlichen „Naturphilosophie44;
sie hat seit mehr als 2000 Jahren die bedeutendsten Philosophen
und Theologen beschaftigt und ist in der verschiedensten Weise
beantwortet worden. Soweit nun auch deren Anschauungen
im einzelnen auseinandergehen, so lassen sich schlieBlich doch
alle in zwei groBe Gruppen gegeniiberstellen, die monistische
und die dualistische Kosmologie.
Die monistische Kosmologie betrachtet als ihr wichtigstes Fundament die allgemeine Geltung des universalen Substanzgesetzes. Ein einziges, allumfassendes, oberstes Natur-

�33
gesetz beherrscht das ganze Weltall (Universum oder Kosmos),
und Alles ist zugleich Natur (oder Physis). In dem universalen
Begriffe der Substanz — als des „wirklichen Weltwesens“ —
vereinigt unser naturalistischer Monismus drei untrennbare
Attribute oder Grundeigenschaften: die raumerfiillende Materie
(= Stoff), die wirkende Energie (= Kraft) und die empfindende
Weltseele (= Psychom). Indessen gehen die Ansichten der
namhaftesten Naturphilosophen uber die Beziehungen dieser
drei Attribute noch sehr auseinander. Dagegen stimmen fast
Alle darin iiberein, daB die Gesetze von der „Erhaltung des
Stoffes“ (= Konstanz der Materie) und von der „Erhaltung der
Kraft“ (= Konstanz der Energie) ganz allgemein giiltig sind.
Viele verkniipfen damit auch das Gesetz von der „Erhaltung der
Empfindung“ (= Konstanz des Psychoms). Der wesentliche
Grundgedanke, in dem alle drei Konstanzgesetze sich vereinigen, ist die Bestandigkeit und Unzerstorbarkeit des Uni­
versums. Bei allem Wechsel des bestandigen „Werdens und
Vergehens“ (im einzelnen!) bleibt die Quantitat der Substanz
(im ganzen!) bestandig und unzerstorbar; es gibt keinen
„Anfang der Welt“ und gibt auch kein „Ende der Welt“.
Die dualistische Kosmologie unterscheidet zwei verschiedene Welten, die nebeneinander bestehen und verschiedenen Gesetzen gehorchen. Die Natur als „Kbrperwelt“ unterliegt den festen und unabanderlichen Naturgesetzen und besitzt
keine Freiheit. Die iibernaturliche „Geisteswelt“ hingegen soil
von den festen Naturgesetzen unabhangig sein und in ihrer
Freiheit die Grenzen der ersteren iiberschreiten konnen. Dieser
kosmologische Dualismus herrscht zurzeit noch im groBten Teile
der Schulphilosophie und ist meistens eng verkniipft mit ontheistischen und metaphysischen Vorstellungen. Unsere moni­
stische Kosmologie verweist ihn in das Gebiet der spiritualistischen Phantasiegebilde und der uferlosen religidsen Dichtung; aber seine wissenschaftliche Geltung miissen wir auf
das Entschiedenste bestreiten.
3

�34

Konstanz des Universum.
(Universum perpetuum mobile — „Weltratsel“ Kap, 13.)
Die Frage nach dem Begriffe und dem Wesen der Substanz
(= Hypokeimenon) gehort zu den allgemeinsten, schwierigsten
und wichtigsten Problemen der Philosophie; sie hat demgemaB
seit mehr als 2000 Jahren die verschiedenste Beantwortung
erfahren. Ich habe im 12. Kapitel der „Weltratsel“ (1899) das
monistische „Substanz-Gesetz“ an die Spitze aller Naturgesetze gestellt und dasselbe geradezu als „das wahre undeinzige“
kosmologische Grundgesetz bezeichnet. Ich vereinigte unter
diesem Begriffe zwei hochste allgemeine Gesetze verschiedenen
Ursprungs und Alters, das altere chemische Gesetz von der
Erhaltung des Stoffes (=,, Konstanz der Materie“, Lavoisier
1789) und das jiingere physikalische Gesetz von der Erqaltung der Kraft (=„Konstanz der Energie“, Robert Mayer,
1842). Das erstere, das „Konstanzprinzip der Materie“, besagt:
..Die Summe des Stoffes, welche den unendlichen Weltraum
erfiillt, ist unveranderlich“; das zweite, 53 Jahre jiingere Gesetz,
das „Konstanzprinzip der Energie “, behauptet: „Die Summe
der Kraft, welche in dem unendlichen Weltraum tatig ist und
alle Erscheinungen bewirkt, ist unveranderlich.“
Die Vereinigung dieser beiden fundamentalen „KonstanzPrinzipien“ in einem einzigen, einheitlichen ,,Substanzgesetze"
ist von hochster prinzipieller Bedeutung fur unsere monistische
Weltanschauung. GewiB sind schon lange viele denkende Naturforscher, welche nach einer harmonischen einheitlichen Welt­
anschauung suchten, gleich mir zu der Uberzeugung von der
universalen Bedeutung dieser Einheit gefiihrt worden. Vielen
wird unser „monistisches Substanzgesetz“ selbstverstandlich
erscheinen. Allein diese Auffassung ist noch heute weit entfernt, sich allgemeiner Anerkennung zu erfreuen; sie wird
energisch bekampft von der ganzen dualistischen Philosophie,
von der vitalistischen Biologie, ja sogar von manchen angesehenen Physikern. Diese seltsame Tatsache erklart sich daraus^

�35
daB die beiden Konstanz-Prinzipien unmittelbar die groBe
Grundfrage vom Zusammenhang ihrer beiden Objekte: „ Materie
und Energie “ beriihren, und somit den alten Streit der materialistischen und spiritualistischen Ansichten uber das Wesen von
nStoff und Kraft“ und uber das Verhaltnis dieser beiden
Attribute der Substanz. Das Axiom von der Konstanz des
Uni versums ist nicht allein mit dem allgemeinen „Prinzip
der Kausalitat“ verkniipft, sondern beriihrt auch viele andere
wjchtige Probleme der Naturphilosophie und der Religion.
Unser „Naturalistischer Monismus“ — oder „Hylozoismus“ — griindet sich auf die Uberzeugung, daB die Substanz
als „Urgrund aller Erscheinungen“ in der untrennbaren Verbindung von Stoff und Kraft beruht, daB Materie ohne Energie
[ebensowenig gedacht werden kann, als umgekehrt Energie ohne
Materie. Dieser Grundgedanke der monistischen „IdentitatsPhilosophie“, der schon vor mehr als 2000 Jahren den groBert
Denkern der Jonischen Naturphilosophie vorschwebte, fand
Seinen ersten systematischen Ausdruck im System von Baruch
Spinoza (1670). Aber schon 90 Jahre friiher hatte als sein
Aorlaufer der gewaltige Dominikanermonch Giordano Bruno,
gestiitzt auf das neue heliozentrische Weltsystem des Kopernikus, demselben naturalistischen Pantheismus einen hochpoetischen Ausdruck gegeben (1584); zur Strafe fur diese Ketzerei
wurde er vom romischen Papste (dem von Menschenliebe beseelten „Statthalter Christi “!) 7 Jahre lang im Kerker gequalt
und dann am 17. Februar 1600 auf dem Scheiterhaufen in Rom
aebendig verbrannt. Bruno vertrat im Sinne unserer monistiachen Religion ebenso klar und entschieden den Grundgedanken
der ,, Gott-Natur’\ wie Spinoza, dessen System seinen lapidaren
Ausdruck in den drei Worten fand: „Deus sive natura“ — Gott
ist die Natur selbst.
Die Begriindung des monistischen Substanzgesetzes, welche
ich 1892 in dem Altenburger „Glaubensbekenntnis eines Naturforschers“ versucht und 1899 im 12. Kapitel der „Weltratsel“
eingehender ausgefiihrt hatte, wurde 1904 im 19. Kapitel der
3*

�36
.. Lebenswunder“ wesentlich dadurch verbessert, daB ich den
Begriff der Energie in zwei gleichgeordnete Begriffe spaltete
und die Empfindung (Psychoma) von der Kraft (oder „Arbeit“
im weitesten Sinne = „Wille“ von Schopenhauer) abloste. Die
Cberzeugung, daB die Empfindung (als unbewuBte Fuhlung oder
Asthese) ein ganz allgemeiner Vorgang in der Natur ist, wurde
schon vor mehr als 2000 Jahren von Empedokles und den
alteren „Panpsychisten“ ausgesprochen, neuerdings namentlich
von Carl Naegeli und Albrecht Rau (vgl. Kap. 19 der „Lebenswunder“). Wenn diese Anschauung, wie ich glaube, richtig ist,
dann muB man auch den beiden „Konstanz-Prinzipien4&lt; der
Materie und Energie als drittes, koordiniertes „Erhaltungsgesetz44 das psychologische Gesetz von der „Erhaltung der
Empfindung“ (= Konstanz des Psychoms) an die Seite stellen.
Bei der eingreifenden Bedeutung, welche die daraus folgende
„Trinitat der Substanz44 besitzt, ist es zweckmaBig, hier
noch einen Blick auf die drei fundamentalen Attribute der
Substanz gesondert zu werfen (vgl. unter Tabelle 3 und 4, S. 67).

Trinitat der Substanz.
Wenn wir die Gleichberechtigung der oben angefiihrten drei
Konstanzgesetze anerkennen und die drei Attribute der Sub­
stanz: 1. Materie, 2. Energie, 3. Psychom als untrennbar iiberall verbunden betrachten, so gelangen wir zu einer einfachen
Auffassung des universalen Substanzbegriffes, welche die alten
und immer noch fortdauernden Streitigkeiten zwischen Materialismus, Energetik und Panpsychismus in Harmonie versohnt.
Der Hauptfehler dieser drei sich bekampfenden Richtungen
der Naturphilosophie liegt darin, daB jede von ihnen einseitig
das eine Grundprinzip betont und die beiden anderen als
untergeordnet von diesem ersten ableitet. So will der alte
Materialismus oder die neuere Mechanistik den Stoff als
einziges Urwesen geltend machen und sowohl die Kraft als
die Empfindung ihm unterordnen. Die neuere Energetik

�37
will alle Erscheinungen aus der Kraft ableiten; sie laBt sowohl
die Materie als die Psyche nur als besondere Faile der Energie
gelten („Karma“ im Buddhismus). Die Psychomatik oder
der Pampsychismus (auch Psychomonismus in gewissem Sinne)
laBt nur die Psyche oder den „ Geist “ als alleiniges Weltwesen
gelten und will sowohl die Materie als die Energie diesem
ersten und obersten Prinzip unterordnen (gleich dem ,.Atman“
im Veda). Aus dieser exklusiven Einseitigkeit der drei SubstanzAuffassungen entspringt der immerwahrende Streit um die
ausschlieBliche Geltung eines jener drei Grundprinzipien.
Unser naturalistischer Monismus — oder „kosmischer Hylozoismus“ — vermeidet diese Einseitigkeit, indem er die drei
Grundeigenschaften aller Substanz als untrennbar verbunden
ansieht, als allgemeingiiltig (im ganzen Raume) und als unzerstorbar (in aller Zeit). Er ist also weder reiner Materialismus,
noch absolute Energetik, noch unbedingte Psychomatik; vielmehr vereinigt er diese drei Hauptrichtungen zu einer vollkommenen Einheit. Wir gewinnen dadurch eine anschauliche
Auffassung aller Erscheinungen, die von hochstem Werte fur
das Verstandnis ihrer Natur ist. Der Urgrund alles Seins,
alles Werdens und Vergehens laBt uns dann in der Universal Substanz zugleich das „hochste Wesen“ unserer monistischen
Religion erblicken, Allgott oder Pantheos. Dieser „Uni­
ver sal got t“ ist ewig und unverganglich, unendlich in Raum
und Zeit; er ist unpersonlich und unbewuBt; er regiert die
Welt durch seine „ewigen, ehernen, groBen Gesetze“. Das
glaubige Gemiit findet in der Anbetung und Verehrung dieses
Allgottes ebenso voile Befriedigung, wie die reine Vernunft im
klaren Verstandnis seines WesenS und Wirkens.

Losung des Gottes-Ratsels.
Theologische Fundamente des Monismus.
Die Frage vom Wesen Gottes und vom Verhaltnis des Men­
schen zu diesem „hochsten Wesen“ wird allgemein als eines
der vornehmsten und wichtigsten Probleme im menschlichen

�38
Geistesleben betrachtet. Der metaphysische „Glaube an Gott“
gilt noch heute der Mehrzahl der Menschen sowohl in theore*
tischer Hinsicht als die befriedigendste Losung des „Weltratsels‘4,
als auch in praktischer Beziehung als das wichtigste Fundament
einer geordneten sittlichen „Lebensfuhrung“. Da ich in der
zweiten Halfte der „Weltratsel“ (Kap. 15—19) meine Ansichten
dariiber eingehend behandelt habe, kann ich mich hier darauf
beschranken, meine Dberzeugung von der Sicherheit meiner
monistischen Religion zu begriinden und die Unhaltbarkeit der
ihnen entgegenstehenden dualistischen Gottes-Vorstellungen nachzuweisen. In der unten gegebenen Tabelle I (S. 64) habe ich die
wichtigsten Unterschiede der beiden theologischen Theorien, des
monistischen Pantheismus und des dualistischen Ontheismus,
in knappster Form gegeniibergestellt.

Pantheismus (Monistische Theologie).
Der Allgott oder Universalgott. (= „Deus intramundanus44.)
(= „Atheismus44 im negativen vulgaren Sinne.)
Gott und Welt sind iiberall untrennbar verkniipft; als die
letzte unerkennbare Ursache aller Dinge ist ,. Gott44 der hypothetische „Urgrund der Substanz “. Die drei fundamentalen
Attribute, welche wir als unverauBerliche, untrennbare Grundeigenschaften der universalen Substanz oder dem ganzen „Kosmos44 zugeschrieben haben, sind also zugleich die drei wesentlichsten allgemeinen Charakterziige unseres Pant he os, des All­
gott es. Ob wir diesen unpersonlichen „Allmachtigenw als „GottNatur44 (Theophysis) oder als „ Allgott “ (Pantheos) bezeichnen;
ist im Grunde gleichgiiltig. Sicher ist nur, daB derselbe nicht
die anthropistischen Eigenschaften besitzt, welche der Ontheismus
oder der dualistische vulgare „Theismus“ seinem personlichen
„Lieben Gotte44 zuschreibt. Im klaren Lichte der „reinen Vernunft44 beweist uns die moderne Wissenschaft, daB der Kosmos
als Ganzes nur dem unbewuBten Naturgesetze gehorcht
Alles geschieht mit absoluter Notwendigkeit nach dem mecha-

�39
nischen „Kausalgesetz“. Dabei spielt aber der blinde Zufall
die groBte Rolle, indem mehrere Ereignisse, die in keiner
katisalen Beziehung zueinander stehen, zusammentreffen. Trotzdem ist Inirner jedes einzelne von ihnen die notwendige Folge von
bewirkenden Ursachen. (Vgl. den SchluB von Kap. 14 der „W1.“ :
„Ziel, Zweck und Zufall“.),

Ontheismus. (Dualistische Theologie.)
Der Schulgott oder Personalgott. (= „Deus extramundanus“.) (= „Theismus“ im engeren vulgaren Sinne.)

Gott und Welt sind zwei verschiedene Wesen. Der „Per’sonHche Gott" (== Schulgott) ist ein individueller Geist, der als
unsichtbarer „immaterieller Spiritus“ die Naturgesetze schafft
und beliebig andert. Gewohnlich werden diesem „Allmachtigen
Gott“ folgende Eigenschaften und Taten zugeschrieben: 1. Als
^Schopfer44 hat Gott „die Welt erschaffen44 (aus Nichts?). 2. Als
weiser „Weltherrscher“ regiert er den Weltlauf hochst zweckmafiig. (Ewiges „Werden und Vergehen44 in der Entwicklung
der Weltkorper und der Organismen?.) 3. Als moralischer Gewtzgeber hat Gott seine „Gebote“ gegeben, als bleibende Norm
Ito eine „Sittliche Weltordnung.44 (Krieg? Krankheiten? soziales
Elend?) 4. Als „ lie bender Vater44 hat er alle Verhaltnisse zum
Besten seiner „Geschopfe“ zweckmaBig geordnet. (Kampf urns
Dasein? Parasitismus?) 5. Als gerechter Richter belohnt er
die Guten und bestraft die Bosen; am „Tage des jiingsten Gerichts44 (Wann?) werden alle „wiederauferstandenen“ Menschen
in zwei groBe Haufen geschieden: die Guten (schuldlos erkannten) kommen zu „ewiger Seligkeit“ in den iiberirdischen Himmel
fWo?); die Bosen (schuldig verurteilten) werden in die untertrdische „ Hoile geworfen und ewig verbrannt.44 (Wo?)
Wir brauchen hier nicht nochmals daran zu erinnern, wie
alle diese Glaubenssatze des Ontheismus fur die reine Vernunft
unhaltbar erscheinen miissen; sie erscheinen als grobere oder
feiriere „ Anthropismen44. Die Vermenschlichung Gottes

�40
ist dabei in den mannigfaltigsten Formen ausgebildet. Den
meisten monotheistischen Religionen liegt dabei die Vorstellung
eines orientalischen Monarchen zugrunde (Jehovah im Mosaismus, Gott-Vater im Christentum, Allah im Islam). Wenn
aber vielfach dieser immaterielle Gott als „unsichtbarer Geist44
vorgestellt wird, und ihm trotzdem die menschlichen Eigenschaften des Sehens, Horens, Sprechens, Denkens usw. beigelegt
werden, so gelangt man notwendig zu dem absurden Bild eines
„gasformigen Wirbeltieres44. Denn der Mensch, der sich Gott
nach seinem Ebenbilde formt, bleibt unzweifelhaft ein echtes
Wirbeltier; und der „ Geist44, der seinen Organismus belebt,
wird tatsachlich schon seit alter Zeit gasformig oder als unsichtbarer Spiritus („0dem Gottes“) vorgestellt, ebenso wie die
„unsterbliche Seele44 des Menschen selbst. Ich hebe das Ungeniigende dieses groben Anthropomorphism us hier des­
halb besonders hervor, weil viele Glaubige daran AnstoB genommen und mir „abscheuliche Blasphemie44 vorgeworfen haben.
Aber diese widersinnige Bezeichnung ist weder ein „schlechter
Witz44 von mir, noch eine „boswillige Verhohnung heiliger Gefiihle44, sondern vielmehr eine streng wissenschaftliche
Charakteristik einer weitverbreiteten Vorstellung, welche ich
selbst als Pantheist bekampfe, wahrend viele glaubige Theisten
daran zahe festhalten und sie sogar fur hochst wesentlich erklaren. (Wl. Kap. 15.)

Gott in der Anorgik.
Die vielumstrittene Losung des „Gottes-Ratsels44 wird dadurch sehr erleichtert, daB wir die Geltung des ublichen Gottesbegriffes in den beiden groBen Naturreichen kritisch vergleichen.
Wenn wir die Gesamtheit der sogenannten toten oder anorganischen Natur unter dem Begriffe des An or gon zusammenfassen und die Wissenschaft davon als Anorgik, so finden wir,
daB seit einem Jahrhundert von „ Gott44 darin nur sehr selten,
meistens aber gar nicht die Rede ist. Das gilt von der ganzen

�11
modernen Kosmologie und Astronomie, von der ganzen anorganischen Physik und Chemie, von der ganzen Geologie und
Meteorologie. Hier gilt jetzt allgemein die Uberzeugung, daB
ausschlieBlich feste, „ewige und eherne Gesetze“ das ganze
Weltgetriebe beherrschen. „Gott ist selbst das allmachtige
Natur gesetz.“ Diesem Allgott oder Pantheos werden nirgends
jene anthropistischen Eigenschaften zugeschrieben, welche der
Mensch, als „Ebenbild Gottes“ in der Biologie dem personlichen
„Schopfer“ beilegt. Die genannten, streng „physikalischen“ Wissenschaften sind also im Gesamtgebiete der Anorgik rein „pantheistisch", oder was dasselbe heiBt: „atheistisch“. Kein
Physiker oder Chemiker, kein Astronom oder Geologe spricht
in seinen Arbeiten und Vortragen jemals mehr von „Gott“,
von einem personlichen Schopfer und Regenten der anorganischen Natur. Nach Schopenhauer ist der „Pantheismus“ nur
ein hoflicher „Atheismus“ („SchluB“ des 15. Kap. der Wl.).
Der Pantheos der Anorgik, der „Allgott“ in der gesamten anorganischen Naturkunde, ist ein theistischer Ausdruck
fur unseren atheistischen Substanzbegriff. Als einheitliche „Urkraft des Weltalls“ wirkt er unbewufit in ewiger Bewegung
und Energiebetatigung. Die ganze anorganische Natur wird
durch blinde Werkursachen (Causae efficientes) beherrscht;
es gibt keine zielstrebigen Zweckursachen (Causae finales).
Demnach ist auch der ganze EntwicklungsprozeB der Welt ohne
Anfang und ohne Ende, ein kosmischer Kreislauf, der seinen
prazisen Ausdruck in dem Satze findet: „Universum perpetuum mobileu (Kap. 13 der „Weltratsel“). Es gibt keine
„Vorsehung“, keine „Sittliche Weltordnung“.
Dieser streng monistischen Auffassung wird jedoch auch
heute noch von namhaften Naturphilosophen, darunter sehr bedeutenden Physikern, widersprochen. Besonders wird dagegen
das beruhmte Entropie-Gesetz geltend gemacht, der sogenannte
„zweite Hauptsatz der mechanischen Warinetheorie". Nach
diesem „Prinzip der Dissipation “ hat unsere Welt (—wenig-.
stens unser Sonnensystem —) einmal einen Anfang seiner Be

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wegung gehabt (durch eine „Schopfung Gottes"?) und geht
einem endlichen Tode entgegen (durch „Warmetod?“). Indessen
ist schon vielfach darauf hingewiesen worden, daB dieser „zweite
Hauptsatz der mechanischen Warmetheorie" dem ersten (dem
Konstanz-Prinzip der Energie) in gewissem Sinne widerspricht.
Neuerdings hat namentlich Svante Arrhenius, der „das Werden
der Welten" in groBziigiger Weise beleuchtet, betont, wie der
kosmische „Strahlungsdruck“ der Dissipation entgegenwirkt, und
wie auch andere Verhaltnisse in der Entwickelung der Weltkorper die Wirkung des Entropiegesetzes wieder aufheben.
(Vgl. Kap. 13 der Wl.)

Gott in der Biologie.
Wahrend somit in alien angefiihrten Gebieten der Anorgik
(im groBen Ganzen des anorgischen „Kosmos") der „allmachtige Gott" seine Rolle ausgespielt hat und seinen Thronsitz
dem unbewuBten Naturgesetz hat einraumen miissen, hat
er seinen EinfluB in einem groBen Teile der Biologie noch behalten. Vor allem scheinen die zweckmaBigen Einrichtungen
der Organisation im Tier- und Pflanzenreich nur durch die Annahme eines vorbedachten „Zweckes" erklarbar zu sein. Die
alte dualistische und teleologische Vorstellung, daB der Schopfer
„mit Weisheit und Verstand" alle Dinge geordnet habe, scheint
hier notwendig auf den Glauben an einen „personlichen Gott"
hinzudrangen, einen „Maschinen-Ingenieur", der nach vorbedachtem Plane alle Einrichtungen zweckmaBig geordnet hat. Von
der modernen wie von der alten Theologie, und ebenso von
der mit ihr verbiindeten dualistischen Schulphilosophie, wird
diese anthropomorphe Vorstellung noch jetzt hartnackig festgehalten, trotzdem ihr Darwin seit 55 Jahren durch seine geniale Selektionstheorie den Boden vollig entzogen hat.
Einer der wesentlichsten Irrtiimer dieses biologischen
Ontheismus ist darin begriindet, daB die zweckmaBige Orga­
nisation der Lebewesen (— eine rein biologische Tatsache —) auf

�43
die kosmische Entwicklung des Weltganzen und aller seiner
Teile ubertragen wird. Allein die unleugbare ZweckmaBigkeit
(— Oder besser Niitzlichkeit —) in der Organisation der Tiere
uiid Pflanzen ist nicht die Folge eines bewuBten metaphysischen
Sohopfungsplanes (eine teleologische „Entelechie“), sondern die
Folge der Anpassung, die auf der physikalischen Wechselwirkung der Organismen und ihrer Umwelt beruht; sie ist das
k notwendige Ergebnis des blinden „Kampfes ums Dasein“, der
■ seit mehr als hundert Jahrmillionen die Stammesgeschichte der
I Organischen Welt geregelt hat. Bei den hoheren sozialen Tieren
■ hat dieser unaufhorliche Kampf zur Ausbildung der Vernunft
I und zur geordneten Einrichtung der Sittengesetze in der Gesellschaft gefiihrt. Dagegen kann von einer solchen moralischen
Organisation im Weltganzen, im Gesamtgebiet der Anorgik,
nicht die Rede sein; es gibt keine allgemeine Weltvernunft,
keine uberall giiltige „sittliche Weltordnung".
Wenn auch gegenwartig die dualistischen Philosophen immer
noch vergeblich nach einem „Sinn des Lebens“, nach einer
hoheren „Bestimmung des Daseins“ suchen, so ist dagegen an
die Kristalle zu erinnern. Wenn in einer Salzlosung beim
Verdampfen sich feste Kristalle von ganz bestimmter geometrischer Form ausscheiden, so fragt kein Mineraloge oder Chemiker
nach einem bestimmten „Sinn oder Zweck" dieser Strukturen;
er betrachtet sie vielmehr als notwendige und selbstverstandliche Folgen ihrer chemischen Konstitution. Ganz ebenso sind
I aber auch die altesten und primitivsten Formen der Moneren
(-- wahrscheinlich einfache Plasmakiigelchen gleich den heute
noch lebenden Chrookokken und Nitrobakterien —) als individualisierte Korner aus fliissigem Plasma ausgeschieden. Ihre
weitere Entwicklung zu kernhaltigen Zellen und deren Umbildung zu Geweben, ist nicht das teleologische Produkt eines
| besti mm ten „Lebenszweckes“, sondern die mechanische Folge
ihrer chemischen Konstitution und bestandigen Wechselbeziehung
I zu ihrer Umgebung.

�-

44

-

Mechanistik und Vitalismus.
Die naive Naturanschauung des Naturmenschen unterschied
friiher allgemein zwischen toten und lebendigen Naturkbrpern;
die besonderen Lebens-Erscheinungen, die nur an den Organismen wahrzunehmen sind, vor alien spontane Bewegung, Em­
pfindung, Ernahrung und Fortpflanzung wurden den Anorganen,
den sogenannten „toten Kdrpern" abgesprochen. Auch in der
Naturwissenschaft blieb dieser organische Dualismus in Geltung
und veranlaBte ihre Spaltung in zwei prinzipiell verschiedene
Zweige: Anorgik und Biologie. Das organische Leben sollte
durch eine besondere Lebenskraft (Vis vitalis) veranlaBt sein,
welche die „rohen Naturkrafte“ in ihren Dienst nahme und beim
Tode den Korper verlasse. Die groBen Fortschritte, welche
die Physik und Chemie der Anorgane einerseits, die Physio­
logie und Biogenie der Organismen anderseits, in der ersten
Halfte des 19. Jahrhunderts machten, fiihrten zur Aufhebung
dieses Vitalismus und verwiesen die „iibernaturlicheu Lebens­
kraft (— ebenso wie die transszendente ..Seele". mit der sie
oft identifiziert wurde —) als metaphysische „Gespenster“
in das Reich der Dichtung. Sie verlor vollends alles Ansehen,
nachdem Darwin 1859 das schwierigste „Lebensratsel“ gelost
und den Glauben an eine iibernaturliche „Schopfungu der Arten
durch die mechanistische Erklarung ihrer Entwicklung aus der
Wissenschaft entfernt hatte.
Neovitalismus. In befremdendem Gegensatze zu diesen
mechanistischen Fortschritten der modernen Biologie hat sich
im Laufe der letzten zwanzig Jahre eine mystische Richtung
anspruchsvoll geltend gemacht, welche als „Neovitalismus“ den
langst begrabenen Aberglauben der alten Irrlehre von der iibernatiirlichen Lebenskraft, den „Palavitalismus“. neuerdings
zur Geltung zu bringen sucht. Ohne irgend welche neuen
Tatsachen zu seinen Gunsten vorzubringen, suchte dieser konfuse
Neovitalismus die angebliche „ Autonomie des Lebens “, die

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ratselhafte „Eigengesetzlichkeit“ der organischen Prozesse, durch
eine sophistische Dialektik zur Geltung zu bringen. DaB er trotzdem ein gewisses Ansehen erlangte, erklart sich aus der bedauerlichen Zunahme der Verwirrung, in welche einerseits kurzsich tiger Spezialismus, andrerseits Unfahigkeit zu philosophischer
Beurteilung der allgemeinen Verhaltnisse, viele moderne Naturforscher fiihrt. Ich habe die Griinde, welche diesen biologischen.
Dualismus widerlegen und dagegen die prinzipielle Einheit der
organischen und der anorganischen Natur beweisen, bereits im
14. Kap. der Wl. erortert. Im 15. Kap. der Lr. ist namentlich die
damit eng verbundene Frage vom Lebensursprung besprochen.
Dieses dunkle „Lebensratsel“, die Entstehung der altesten und
einfachsten Organismen aus anorganischer Substanz ist durch
die Hypothese der Urzeugung (Archigonie) in dem dort bestimmten Sinne befriedigend gelost.

Urzeugung (Archigonie).
Die Frage von der Urzeugung, von der natiirlichen Ent­
stehung des ersten organischen Lebens auf unserer Erde, gehort
noch heute zu den unklarsten und verworrensten Problemen
der ganzen „Naturgeschichte“. Viele denkende Leser, sogar
angesehene Naturforscher, halten sie noch heute fur ein hochst
schwieriges, manche sogar fur ein unlosbares Problem. In
diesem Sinne fiihrte sie 1880 E. du Bois-Reymond als das
dritte seiner „ Sieben Weltratsel“ auf. Nach meiner festen
Cberzeugung ist dieses groBe biologische Problem nur ein besonderer Teil des oben behandelten „ Substanz-Ratseis “ und ist
somit seit fiinfzig Jahren im Prinzip gelost; ich stimme darin
vollkommen mit den Anschauungen des ebenso klar denkenden
als tatsachenkundigen Botanikers Carl Naegeli iiberein, welcher
vor 30 Jahren in seinem gedankenreichen Werke „MechanischPhysiologische Begriindung der Abstammungslehreu (1884)
die betreffende Betrachtung mit dem Satze schloB: „Die Ur­
zeugung leugnen heiBt das Wunder verkiinden“.

�46

Meine eigenen Untersuchungen uber Urzeugung erstrecken
sich uber den Zeitraum eines halben Jahrhunderts; sie wurden
friihzeitig dadurch hervorgerufen, daB ich (schon seit dem Jahre
1859) mit besonderer Vorliebe mich dem Studium der einfachsten
Urtiere, insbesondere der Radiolarien zuwandte. Die bedeutungsvolle Reform der Zellen-Theorie, welche damals Max
Schultze durch Aufstellung seiner Protoplasma-Theorie herbeifiihrte, und unsere gemeinsamen Studien uber , die „Sareode der
Rhizopoden“, waren dabei fur mich von bestimmendem EinfluB;
spater ganz besonders meine Beobachtungen uber Moneren
(Chromaceen, Bakterien, Protamoeben, Protogenes etc.). Ich wies
schon in der Generellen Morphologie (1866, Kap. V) auf die
hohe prinzipielle Bedeutung dieser einfachsten „Organismen
ohne Organe“ hin, deren ganzer lebendiger Korper weiter
nichts ist, als ein Stiickchen von strukturlosem Plasma und
also noch nicht einmal den Formwert einer einfachen kernhaltigen Zelle besitzt.
Das zweite Buch meiner Generellen Morphologie (1866) ent­
halt sehr eingehende, kritische „Allgemeine Untersuchungen uber
die Natur und erste Entstehung der Organismen; ihr Verhaltnis
zu den Anorganen, und ihre Einteilung in Tiere und Pflanzen “
(Bd. II. S. 109—238). Die hier entwickelten Gesichtspunkte der
vergleichenden Biologie, besonders die objektive Vergleichung
der Zellenbildung und Kristallbildung, haben die fundamentale
Einheit der organischen und anorganischen Natur geniigend
dargelegt. Der ganze Bios (d. h. die gesamte Welt der Orga­
nismen) ist sowohl in der Zeit, als im Raume verglichen,
nur ein ganz geringer Bruchteil des Universum, nur eine kleine
Episode in der unermesslichen Geschichte des Anorgon, der
falschlich sogenannten toten Natur.
Nun haben freilich bis jetzt die vielen Versuche, die Archigonie
experimentell zu beweisen, d. h. lebendiges Plasma aus anorgischen Kohlenstoff-Verbindungen kiinstlich herzustellen, keine
positiven Erfolge gehabt. Allein das negative Ergebnis dieser
Experimente, namentlich die beriihmten Versuche von Pasteur

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fiber Generatio spontanea, haben fur die Losung dieses Ratseis
nicht die geringste Bedeutung. Die meisten Biologen, die sich
damit beschaftigen, gehen von der irrtiimlichen Vorstellung
einer urspriinglichen Organisation der einfachsten Lebewesen
aus und beriicksichtigen nicht, daB diese dem strukturlosen
Korper der genannten Moneren noch ganz fehlt, ebenso wie
dem zahfliissigen Plasmaleibe vieler einfachsten Rhizopoden
(Myzetozoen) und dem stromenden homogenen Plasma innerhalb vieler Pflanzenzellen. Das Problem der Archigonie ist also
ein rein chemisches; es kommt nur darauf an, durch Katalyse kolloidaler Substanz die einfachste Form von Plasma
zu erzeugen; wenn diese fest-fliissige homogene Substanz sich
individualisiert und in kleine Kiigelchen zerfallt (— gleich den
Regentropfen in der Wolke —), haben wir Moneren; ihre
weitere Umbildung zu kernhaltigen Zellen einfachster Art ist
eine Frage der physiologischen Chemie. (Naheres im 15. Kap.
der „Lebenswunder“.)

Lebensfiihrung.
(Grundlinien der Ethik oder Sittenlehre.)
Die wichtigste praktische Aufgabe der Religion ebenso wie
der Philosophie ist die Begriindung einer verniinftigen Sitten­
lehre; diese „ Ethik" soil das Gute oder die Tugend fordern
und das moglichste Gluck der Menschen erzielen. Ich habe die
Grundziige unserer monistischen Ethik bereits in den ,,Weltratseln" (Kap. 18, 19) und in den „Lebenswundern“ (Kap. 18,
19) erortert, und ihren Gegensatz zu der traditionellen Sitten­
lehre der dualistischen Religion und Metaphysik scharf beJeuchtet. Ich kann mich daher hier darauf beschranken, die
Bicherheit ihrer Grundlagen zu priifen und kurz ihre Beziehungen zur Anthropologie und zur Theophysik zu erlautern. Im
iibrigen verweise ich auf die 18. Tabelle, welche am Schlusse
des 18. Kapitels der ..Lebenswunder" den „Gegensatz der mo­
nistischen und der dualistischen Sittenlehre" zeigt. Unsere
monistische oder theophysische Ethik behauptet einen natur-

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lichen Ursprung unserer Moral, hingegen die dualistische oder
metaphysische Ethik einen iibernatiirlichen Ursprung. Aus
der umfangreichen ethischen Literatur sind namentlich die
Schriften von Ludwig Feuerbach, Herbert Spencer, Bartholomaeus Carneri und Friedrich Jodi hervorzuheben. In dem
vortrefflichen kleinen „Katechismus der monistischen Weltan­
schauung “ (Brackwede 1914) hat Dr. L. Frei die wichtigsten Grundsatze der naturgemaBen Ethik, die sich auf der Grundlage unserer
einheitlichen Weltanschauung aufbauen, kurz und gemeinverstandlich zusammengefaBt.
Natiirlich gibt uns eine klare theoretische Weltanschauung
die sicherste Grundlage fur eine gute praktische Lebensfiihrung.
Allein in Wirklichkeit ist der EinfluB der ersteren auf die
letztere viel geringer, als man gewohnlich annimmt. Denn die
Richtschnur des Handelns, welches uns die Vernunft vorschreibt, wird iiberall gekreuzt durch die Wiinsche des Ge­
mlites und beeintrachtigt durch die altehrwiirdigen Uberlieferungen der mystischen Glaubenslehren, sowie durch die
Macht der Leidenschaften, welche die Befriedigung der
menschlichen Bediirfnisse erzielen. Wahrend die Vernunft mit
Hiilfe der Wissenschaft die Erkenntnis des Wahren erstrebt,
sucht das Gemlit den Weg zum Guten und Schonen zu finden.
Als wertvollstes Mittel zur Forderung des menschlichen
Lebensgliickes ist vor allem die Pflege der Kunst zu betonen.
Eine unerschopfliche Quelle des edelsten Lebensgenusses ist dem
modernen Menschen in den herrlichen Gefilden der Dichtkunst
und Tonkunst, in der bildenden Kunst und im NaturgenuB, in
der Betrachtung der wunderbaren „Kunstformen der Natur “
gegeben. Wie der Kulturmensch durch diese realen Geniisse
des irdischen Lebens fur den Verlust der eingebildeten Seligkeit in einem iiberirdischen Leben entschadigt wird, das hat
namentlich David Strauss in seinem beriihmten Bekenntnis:
„Der alte und der neue Glaube“ (1872) gezeigt. Wir erinnern
nur nochmals an das unsterbliche Wort von Goethe: „Wer
Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion. “

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Anthropologische Grundlagen der Ethik. Die moderne
Menschenkunde hat uns zu der sicheren Erkenntnis gefiihrt,
daB der Mensch sich aus dem Stamm der Wirbeltiere entwickelt
hat und daB alle seine morphologischen, physiologischen und
psychologischen Eigenschaften aus denjenigen der SaugetierKlasse abzuleiten sind. Die „sozialen Instinkte“ der letzteren sind durch Anpassung an ihre Lebensgewohnheiten entstanden und durch Vererbung auf alle Glieder der Klasse iibertragen; sie sind die Quelle, aus welcher die „Sitten“ der
Menschen entstanden sind. Eine lange Stufenleiter der aufsteigenden Entwicklung fiihrt uns von den niederen Instinkten
der alteren Saugetiere zu den hoheren „Sitten“ der jiingeren
Mammalien hinauf, an deren Spitze die sozialen Raubtiere
(Hunde) und Herrentiere (Menschenaften) stehen. An diese
letztern schlieBen sich dann unmittelbar die Instinkte der niedersten Menschenrassen (Wilde) an, und aus diesen sind die
hoheren moralischen Gewohnheiten der Barbaren und spater
die feineren Sitten der Kulturvolker hervorgegangen.
Sittengesetze. Die moralischen „Gesetze“, welche unsere
sittliche Lebensfiihrung bestimmen, sind demnach keine „Gebote“ eines iibernaturlichen Schulgottes, sondern niitzliche Ein­
richtungen der menschlichen Gesellschaft, welche sich als zweckmaBig erwiesen und im Laufe natiirlicher Entwicklung durch
Anpassung an das geordnete Staatsleben allmahlich befestigt
haben. Gleich alien anderen Institutionen sind sie bestandigen
Umbildungen und Verbesserungen unterworfen. Das gilt auch
von dem beriihmten „kategorischen Imperativ“, den Im­
manuel Kant an die Spitze seiner Moralphilosophie gestellt
hatte. Ich habe seine Unhaltbarkeit bereits im 19. Kapitel der
Weltratsel dargetan. Wilhelm Ostwald hat an dessen Stelle
seinen „energetischen Imperativ“ gesetzt, welcher in dem
Satze gipfelt: „Vergeude keine Energie, sondern verwerte sie“.
Dieser wichtige Satz ist in der Gegenwart um so mehr zu beherzigen, als unsere verfeinerte moderne Kultur die Vergeudung
wertvoller Energie in stetig zunehmendem MaBe fordert. Welche
4

�50
Kraftvergeudung wird nicht im modemen Staatsleben durch
den wahnsinnigen Militarismus geiibt, der in den stetig wachsenden Kriegsriistungen den weitaus groBten Teil des NationalVermogens verschlingt! Welche Energievergeudung fordert der
iibertriebene Luxus und der raffinierte Hedonismus der hoheren
Gesellschaftsklassen, der Prunk des Protzentums, der stets sich
iiberbietende Hang nach sinnlichen Geniissen aller Art!
Seitdem der verdienstvolle Naturphilosoph Wilhelm Ostwald
vor drei Jahren das Presidium des deutschen Monistenbundes
iibernommen, hat derselbe in seinen gedankenreichen monistischen Sonntagspredigten sowie in zahlreichen Aufsatzen der
von ihm herausgegebenen Wochenschrift: „Das monistische
Jahrhundert“ viele wichtige Probleme des praktischen Monis­
mus zeitgemaB behandelt. Andere vortreffliche Aufsatze uber
monistische Ethik finden sich in der von Wilhelm Breitenbach
herausgegebenen Monatsschrift: „Neue Weltanschauung in der
Halbmonatsschrift: „Das freie Wort“ (Frankfurt a. M.); ferner
in den von Dr. Paul Carus (Chicago) redigierten englischen
Zeitschriften: „Monist“ and „Open Court“. Auch in den amerikanischen Zeitschriften „Der Freidenker“ (Milwaukee) und der
Truthseeker (New York); ferner in den deutschen Zeitschriften
„Der Freidenker“, „Die Tat“ von Diederichs usw. erscheinen
gegenwartig zahlreiche Abhandlungen, welche die Prinzipien
unserer monistischen Weltanschauung auf die verschiedensten
Probleme des menschlichen Lebens, in Soziologie und Politik,
in Padagogik und Schulbildung, fruchtbar anwenden. Ich kann
mich daher auf diese monistische Propaganda und die dort angefiihrte Literatur um so mehr beziehen, als ich selbst nicht geeignet bin, diese wichtigen Aufgaben der praktischen Philo­
sophie wesentlich zu fordern. Einige Hinweise auf deren wesentlichste Satze habe ich in den 30 „Thesen zur Organisation des
Monismus “ gegeben, welche 1904 bei Gelegenheit des zehnten
internationalen Freidenker-Kongresses in Rom formuliert und
zunachst im ersten Oktoberheft des „Freien Wort“ (Frank­
furt a. M.) veroffentlicht wurden. Sie sind abgedruckt im ersten

�51

Heft mciner kiirzlich von Wilhelm Breitenbach gesammelten und
herausgegebenen „ Monistischen Bausteine“ (Brackwede 1914).
Wenn wir hier von alien einzelnen Sittengesetzen und speziellen Regulativen ganz absehen, so bleibt uns an der Spitze
aller Moralphilosophie jenes hochste Pflichtgebot iibrig, das man
gewohnlich' als das „goldene Sittengesetz“ (auch als die
„goldene )Regel“ oder den „goldenen Imperativ“) bezeichnet.
Es wurde' schon vor mehr als zweitausend Jahren von den beriihmten ..Wei sen" Griechenlands und von den Religionsstiftern
Asiens (in China und Indien) mit grofiem Erfolge gelehrt. Ich
habe dieses ethische Grundgesetz bereits im 19. Kapitel
der „Weltratsel“ eingehend besprochen und gezeigt, daB sein
hochstes Ziel die Herstellung des naturgemaBen Gleichgewichts zwischen Egoismus und Altruismus, zwischen
„Eigenliebe und Nachstenliebe“ ist.lp„Was du willst, daB dir
die Leute tun sollen, das tue du ihnen auch.“ Christus sprach
dasselbe wiederholt in dem einfachen Satze aus: ^„Du sollst
deinen Nachsten lieben wie dich selbst
Dieses vornehmste Gebot des Christentums. das auch unser
Monismus anerkennt, war aber keine neue Erfindung von
Christus, sondern schon 500 Jahre vor ihm von verschiedenen
Weisen des Altertums gelehrt worden. Andererseits beging das
Christentum in seiner weiteren paulinischen Entwicklung den
groBen Fehler, daB es .das hochste Gebot^der Menschenliebe
allzu einseitig iibertrieb und vielfach die natiirlichen Rechte
des Individuums zugunsten der Gesellschaft herabsetzte. Die
beiden naturlichen Triebe des Egoismus und des Altruismus
sind aber gleichberechtigt. Wie die Selbstliebe die Erhaltung
des Individuums anstrebt, so gilt die Nachstenliebe der Er­
haltung der Gesellschaft, die der Einzelmensch nicht entbehren
kann. Indem der Mensch das soziale Wohl des Staates fordert,
dessen geordnete Gesetzgebung die erste Bedingung fur hohere
Kultur ist, arbeitet er zugleich fiir sein eigenes personliches
Gluck.
4*

�52

Diesseits und Jenseits.
Von groBter Bedeutung fiir die naturgemaBe Lebensfiihrung
ist natiirlich der Verzicht auf den Unsterblichkeitsglauben. In
den „Monistischen Studien“ uber Thanatismus und Athanismus
(im 11. Kapitel der Wl.) habe ich gezeigt, daB der herrschende
Glaube an die Unsterblichkeit der personlichen Menschenseele
jeden Anhalt in der Wissenschaft verloren hat. Die Priester
der meisten dualistischen Religionen (und namentlich der christlichen) fahren freilich trotzdem fort, den Glauben an die personliche Unsterblichkeit und an ein ewiges Leben im „Paradiese“
(oder auch in der „Holle“) als eine der wichtigsten Offenbarungs-Wahrheiten zu preisen. Das unbekannte „Jenseits“ im
Himmel, mit den ewigen Freuden des Paradieses, soil den
armen Menschen fur all die Mangel und Leiden entschadigen,
welche er in dem mangelhaften „Diesseits“ auf unserer Erde
zeitlebens zu ertragen hat. Unzweifelhaft ist fiir die naiven
Glaubigen jener verheiBungsvolle „Wechsel auf die Zukunft"
ein groBer Trost und fur die leidenden Armen und Elenden ein
Palliativmittel zur Beruhigung. Aber leider ist jenes schone Versprechen nur ein reines Phantasiegebilde der Dichtung, und die
begliickende Hoffnung darauf entbehrt jeder realen Unterlage.
Unsere monistische, auf die klarste Erfahrung gegriindete
Anthropologie hat uns fest uberzeugt, daB die personliche
Existenz jedes Menschen — mit Leib und Seele — ebenso
si ch er mit seinem To de aufhort, wie sie mit der Entstehung
der Stammzelle (mit der Befruchtung der miitterlichen Eizelle
durch die vaterliche Spermazelle) begonnen hat. Demzufolge
hat unsere monistische Ethik allein die Aufgabe, dieses unser
irdisches Leben so gut und schon, so gliicklich und zufriedenstellend als moglich zu gestalten; unsere Erziehung kann keine
weitere Aufgabe haben, als unsere Jugend, von friihester Kindheit an, allein fur dieses ..Diesseits" gut zu erziehen. Der einfachste, beste und wirksamste Leitfaden dazu bleibt immer das
,,Goldene Sittengesetz“.

�53

Monistische und christliche Religion.
Der natiirliche und notwendige Gegensatz, welcher zwischen
unserer auf Wissenschaft begriindeten monistischen Religion
und den herrschenden, auf angebliche Offenbarung gestiitzten
dualistischen Religionen — in erster Linie des traditionellen
Christentums — besteht, ist in meinen friiheren naturphilosophischen Schriften, besonders aber im 17. Kapitel der „Weltratsel“ hinreichend beleuchtet worden. Hier wollen wir nur
noch besonders auf den ganz verschiedenen Wert hinweisen,
welchen in unserem modernen Kulturleben einerseits die theoretischel christliche Glaubenslehre als Weltanschauung besitzt; andererseits die praktische christliche Sittenlehre als Norm
und Richtschnur fur unsere Lebensfiihrung. Beide Aufgaben
werden zwar, der alten geheiligten Tradition entsprechend, im
christlichen Katechismus dogmatisch zusammengefaBt und in
den Kirchen zusammenhangend gelehrt; tatsachlich aber ist in
unserem heutigen Kulturleben die aberglaubische christliche
Weltanschauung vollig iiberwunden und durch die vernunftgemaBen Erkenntnisse der Wissenschaft ersetzt. Hingegen sind
die ethischen Gebote der christlichen Lebensfiihrung, soweit sie
den naturgemaBen Forderungen der Humanitat entsprechen,
wertvolle Bausteine auch fiir unsere gereinigte monistische Sit­
tenlehre geblieben.
Das Christentum als Weltanschauung, als theoretische
Grundlage des allgemeinen Weltbildes, wird zwar auch heute
noch von den orthodoxen Anhangern der christlichen Religion
mit Fanatismus verteidigt. In vielen Kulturlandern, in denen
Thron und Altar zum Schutz des „ alten Glaubens“ sich verbiinden, wird die christliche Oflenbarungslehre, von der Schopfungsgeschichte des Moses im Alten Testament bis zur Auferstehung und Himmelfahrt des Christus im Neuen Testament,
als wichtigste Grundlage der Volksbildung festgehalten. Die
dualistische Kirchenlehre, ebenso die rechtglaubige evangelische,
wie die alleinseligmachende katholische, bemiihen sich, einen

�54
Weg der Versohnung ihres iiberlebten Aberglaubens mit den
entgegenstehenden Ergebnissen der modernen Naturerkenntnis
zu finden. Besonders wirksam erweist sich dabei die Sophistik
der Jesuiten, sowohl in dem alteren Thomasbunde als in dem
neueren Keplerbunde. DaB der dualistische Jesuitenbund hierbei keine Mittel der Tauschung fur zu schlecht halt, habe ich
1910 in meiner Broschiire „Sandalion“ gezeigt („Offene Ant­
wort auf die Falschungsanklagen der Jesuiten “). Obgleich nun
leider diese Irrlehren des judisch-christlichen Religionsgebaudes
durch die Macht der konservativen Bildungskreise erfolgreich
unterstiitzt werden, haben sie doch tatsachlich in der modernen
Wissenschaft alien Boden verloren. Schon vor 400 Jahren
hatte Kopernikus das alte geozentrische Weltbild zerstort,
unsere Erde aus .dem Mittelpunkt der Welt entfernt und ihr
ein bescheideneres Planeten-Platzchen im Sonnensystem angewiesen. Durch Darwin wurde uns vor 50 Jahren der Weg zur
modernen Anthropogenie geoffnet, welche die anthropozentrische Weltanschauung aufhebt, den Menschen seiner angemaBten Gottahnlichkeit entkleidet und ihm seine wahre Stellung
an der Spitze der Herrentiere anweist.
Die moderne Christologie hat es sehr wahrscheinlich gemacht, daB Christus ein reines Idealbild der religiosen'"Dichtung
ist und daB er als personlicher Mensch, als „Gottessohn“ Jesus
niemals gelebt hat. 'Aber auch wenn er wirklich existiert hat,
kann seine Ansicht von Gott und Welt, von Seele und Mensch,
keinen Anspruch auf wissenschaftliche Geltung erheben. Jesus
behauptete freilich 'in gutem Glauben: „Ich bin der Weg, die
Wahrheit und das Leben“! Aber er war ein idealistischer
Schwarmer, der 'sich seine iibernatiirliche Weltanschauung auf
Grund der orientalischen Mythologie aufbaute, nicht auf
der unbefangenen Anschauung der Wirklichkeit und der klaren
Naturerkenntnis. Jesus hatte keine Ahnung von der bewunderungswiirdigen Hohe des klaren monistischen Weltbildes,
welche die griechische Naturphilosophie schon 500 Jahre vor
ihm erklommen hatte. Niemals aus den engen Grenzen von

�55
Palastina herausgekommen, hatte er keine Kenntnis von dem
hohen Wert der feineren Geisteskultur, von den kostbaren
Schatzen der Kunst und Wissenschaft, welche schon vor seiner
Zeit in Griechenland und Agypten, in Sizilien und Rom aufgespeichert waren. Da Christus unser unvollkommenes irdisches
Leben verachtete und seinen Wert nur in der Vorbereitung fur
ein besseres unbekanntes „Jenseits“ suchte, blieb ihm der Weg
zur Wahrheit verschlossen. (Vergl. Kap. 17 der „Weltratsel“.)

�Abschied
Indem ich mit den vorliegenden Studien fiber „Gott-Natur“
meine naturphilosophischen Studien abschlieBe, fiihle ich die
Verpflichtung, den zahlreichen Lesern der „Weltratsel“ und
„Lebenswunder“ zum Abschiede nicht nur meinen aufrichtigen
Dank fiir ihre Teilnahme an meiner Lebensarbeit auszusprechen,
sondern auch einige Worte der Entschuldigung, dab ich viele
der an mich gerichteten Fragen nicht befriedigend beantworten
konnte. In wenigen Tagen vollende ich mein achtzigstes Lebensjahr und iiberschreite somit die Schwelle des „biblischen
Alters “, durch welche naturgemaB der produktiven Geistesarbeit eine normale Grenze gesetzt ist. Zuriickblickend auf
den Zeitraum von sechzig Jahren, in welchem ich ununterbrochen meine wissenschaftliche Lebensaufgabe zu fordern bemiiht war, empfinde ich mit besonderer Starke den driickenden
Gegensatz zwischen dem Erstrebten und Erreichten, zwischen
den hohen Zielen, die ich mir in frischer Jugendkraft gesteckt
hatte, und den unvollstandigen Ergebnissen, die ich in fleiBiger
und gewissenhafter Arbeit wirklich erreicht habe.
Anderseits aber will ich Jnicht verschweigen, daB mich
heute der Triumph der monistischen Weltanschauung, fur welche
ich wahrend eines halben Jahrhunderts ununterbrochen gekampft habe, mit einem hohen inneren Gliicksgefiihl erfullt
Denn ich habe in diesem denkwiirdigen Zeitraum nicht nur
die gewaltigsten Fortschritte der Naturerkenntnis und der mit
ihr verkniipften Kulturarbeit als staunender Zuschauer passiv
miterlebt, sondern auch als begeisterter Mitarbeiter aktiv an
deren Ausbau mich beteiligen konnen.

�57

Die zweite Halfte des 19. Jahrhunderts wird fiir alle Zeiten
in der Kulturgeschichte der Menschheit eine der glanzendsten
Reformperioden bleiben. Die erstaunlichen Fortschritte der
Astronomie und Kosmologie, der Geologie und Palaontologie,
der Physik und Chemie, der Biologie und Anthropologie haben
in diesem Zeitraum den groBten Teil der triiben Wolken verscheucht, welche der dunkle Aberglaube des Mittelalters noch
fiber der herrschenden dualistischen Weltanschauung ausgebreitet hatte. Die ersehnte „L6sung der Weltratsel“ ist
dadurch in erfreulichster Weise gefordert worden, wie ich in
der kurzen Ubersicht am Schlusse dieses Buches (im 20. Kapitel)
gezeigt habe. Dadurch ist zugleich unser monistisches Substanzgesetz (Kapitel 12) als das allumfassende „kosmologische Grundgesetz“, zu dem „sicheren, unverriickbaren
Leitstern geworden, dessen klares Licht uns durch das dunkle
Labyrinth der unzahligen einzelnen Erscheinungen den Pfad
zeigt.“ Der sichere Ariadnefaden, den wir dabei in fester Hand
halten, ist unsere moderne Entwicklungslehre.
DaB dadurch nicht nur ein fester Boden fur die monistische
Philosophie, sondern auch fur die naturgemaBe, davon nicht
zu trennende Religion gewonnen ist, habe ich bereits 1866
in der „Generellen Morphologie“ gezeigt, in dem Jugendwerk, in welchem ich vor 48 Jahren alle wesentlichen Grundgedanken meiner spateren naturphilosophischen Arbeiten zu
einem festen Programm gestaltet hatte. Das letzte (30.) Kapitel
dieses Werkes (Band II, S. 448) ist betitelt „Gott in der
Natur“ und sucht zu zeigen, daB unser Monismus zugleich
der vollkommenste Pantheismus ist. Wenn man nun den
Gottes-Begriff — im Sinne von Giordano Bruno, von Spinoza
und von Goethe — alles personlichen Anthropismus entkleidet,
und wenn man die Spur von „Gottes Geist “ iiberall in der
Natur bewundernd und andachtsvoll erkennt, so kann man
wohl sagen, daB dieser Monismus auch der reinste Monotheismus ist. Der SchluBsatz jenes Werkes (— von dem
40 Jahre spater der dritte Teil in unverandertem wortlichen

�Abdruck unter dem Titel: „Prinzipien der generellen Mor­
phologies Berlin 1906, erschienen ist —) hebt ausdriicklich hervor, daB „Gott die notwendige Ursache aller Dinge ist“. „Indem der Monismus keine anderen als die gottlichen Krafte in
der Natur erkennt, indem er alle Naturgesetze als gottliche
anerkennt, erhebt er sich zu der groBtenund erhabensten Vor­
stellung, welcher der Mensch fahig ist, zu der Vorstellung der
Einheit Gottes und der Natur.“
Wie sich auf diesem einheitlichen einfachen Grundgedanken
unser „ Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft “
aufbaut, habe ich vor 22 Jahren in meinem Altenburger Vortrage (1892) gezeigt und sodann im 18. Kapitel der Weltratsel
(1899) weiter ausgefiihrt. Die feste, unerschiitterliche tlberzeugung von der Wahrheit dieses „Glaubensbekenntnisses eines
Naturforschers“ hat durch meine vielen biologischen SpezialArbeiten, und namentlich durch die vier groBen Monographien
(Radiolarien, Spongien, Medusen, Siphonophoren), mit denen
ich 30 Jahre hindurch beschaftigt war, eine sichere empirische
Grundlage erhalten. Denn ich behielt bei der speziellen Ana­
lyse der vielen tausend beschriebenen Lebensformen und ihrer
Entwicklung bestandig ihre Beziehungen zu dem groBen Ganzen
der Natur im Auge. Das alte Leitwort der echten Naturforschung: „ Rerum cognoscere causas“ (die wahren Ursachen
der Dinge ergriinden) fiihrte mich dann immer sicherer zur
Erkenntnis der kausalen Einheit in alien Erscheinungen, und
zu jener andachtsvollen Naturreligion, welcher der groBe Gior­
dano Bruno schon vor mehr als 300 Jahren den klarsten Aus­
druck in den Worten gegeben hat: „Ein Geist lebt in alien
Dingen und es ist kein Korper so klein, daB er nicht einen Teil der
gottlichen Substanz in sich enthielte.“ In demselben Sinne hat
spater Spinoza in seiner Identitatsphilosophie Gott und Natur fiir
gleichbedeutend erklart („Deus sive natura“), und kein Geringerer
als Goethe hat diesem tiefsten Grundgedanken der Theophysis in
seinen unvergleichlichen Dichtungen: Faust und Prometheus, Gott
und Welt usw. den schonsten poetischen Ausdruck gegeben.

�59

Wenn ich in meiner langen Lebensarbeit zu einer festen,
subjektiv vollkommen klaren Uberzeugung von der Wahrheit
der monistischen Naturphilosophie und Religion gelangt bin,
SO verdanke ich das nicht nur jener breiten Basis meiner naturwissenschaftlichen Forschungen und der damit verkniipften
griindlichen medizinischen Bildung, sondern auch dem gliicklichen Umstande, daB die ersteren mich auf zahlreichen Reisen
in alle Teile von Europa sowie in die interessantesten Gebiete
des siidlichen Asiens und des nordlichen Afrikas fiihrten. Da
erwarb ich mir durch lebendige Anschauung eine umfassende
Kenntnis nicht allein der unendlich formenreichen Tier- und
Pflanzenwelt unserer herrlichen Erde, sondern auch des Men­
schen in seinen mannigfaltigsten Gestalten und in seinen Beziehungen zu den verschiedensten Lebensbedingungen. Ich tat
einen unbefangenen Blick auch in die verschiedenen Hauptformen der Religion und streifte dabei die Vorurteile ab, welche
uns in Europa durch die friihzeitige Anpassung an die mystischen Glaubenssatze des Christentums anerzogen werden. Die
viel betonten Gegensatze in den Glaubenslehren der drei groBen
Mediterran-Religionen — der mosaischen, der christlichen und
der mohammedanischen Religion — erweisen sich sowohl hinsichtlich der theoretischen Weltanschauung als der praktischen
Lebensfiihrung bei weitem nicht so groB, als sie von unserem
einseitig konfessionellen, orthodoxen, katholischen oder protestantischen Gesichtspunkte aus gewohnlich dargestellt werden.
Und dasselbe gilt von der buddhistischen und brahmanischen
Religion in Indien, von den alteren Religionsformen des ostlichen Asiens. Uberall kehren gewisse Grundgedanken des On­
theismus in ahnlichen Formen wieder und zeigen eine lange
Stufenleiter der religiosen Entwicklung; sie beginnt mit dem
Fetischismus und Damonismus der rohen Naturvolker und
Barbaren; sie steigt ija vielen Abstufungen zu dem Polytheismus und Monotheismus der Kulturvolker hinauf (Kapitel 15
der „Weltratsel“). Die reinsten Formen dieses Ontheismus
(wie sie z. B. der evangelische Theologe Schleiermacher ent-

�60
wickelte) gehen dann unmerklich in unseren monistischen
Pantheismus fiber.

„ Gottes ist der Orient,
Gottes ist der Occident,
Nord und siidliches Gelande
Ruht im Frieden seiner Hande.“
(Goethe.)
Mit Leitworten von Wolfgang Goethe habe ich jedes einzelne der 30 Kapitel meiner Generellen Morphologie eingefiihrt
und auch in anderen Schriften habe ich oft Gelegenheit gehabt, aus seinen wunderbaren Dichtungen die schonste Form
fur den unvollkommenen Ausdruck meiner eigenen monistischen
Gedanken zu entleihen. Es geschah dies nicht bloB aus Ehrfurcht vor unserem groBten deutschen Dichter, dessen unvergleichliche Geisteserzeugnisse ich schon in friiher Jugend bewundern lernte, sondern auch in dankbarer Erinnerung daran,
daB es mir in Jena vergonnt war, ein halbes Jahrhundert hindurch in den unvertilgbaren Spuren des Geisteshelden von
Weimar zu wandeln. In den engen Raumen der alten Ana­
tomie, wo Goethe die Schadeltheorie aufstellte und die Mor­
phologie begrfindete, hielt ich vor 50 Jahren meine ersten
Vorlesungen fiber vergleichende Anatomie; in unserem reizenden botanischen Garten, wo er die „Metamorphose der Pflan­
zen “ ausfiihrte, studierte ich die von ihm gepflanzten Baume,
darunter die beriihmte Conifere Gingko biloba, welcher er in
dem Westostlichen Divan (in Gedanken an Suleika) Unsterblich­
keit verliehen hat. In den blumenreichen Waldungen des
Forstes und auf den malerischen Felsen der Kernberge genoB
ich viele hundert Male den Reiz unserer wundervollen Thiiringer Landschaft, welcher wir so viele seiner schonsten Dich­
tungen verdanken. In den Ruinen der alten Lobedaburg („wo
hinter Tiiren und Toren einst lauerten Ritter und RoB“) sah
ich Goethes Blicke nach dem Wahrzeichen der Leuchtenburg
hiniiberschweifen; und am Fenster des westlichen rosenum-

�61
kranzten Schlosses von Dornburg fiihlte ich, wie hier unser
groBter Dichter den Schlangenwindungen der Saale gefolgt war.
Ja, ein besonders giitiges Geschick schenkte mir das auserlesene
Gluck, daB ich vor 30 Jahren mir auf demselben malerischen
Erdenfleck (am rechten Leutra-Ufer, damals Kartoffelfeld) mein
bescheidenes Hauschen — die Villa Medusa — erbauen durfte,
auf welchem Goethe 100 Jahre friiher eine Zeichnung von dem
schrag gegeniiberliegenden „Schillergarten“ und der Leutrabriicke entworfen hatte.
Uberall lebt in Jena wie in Weimar der wahrhaft „unsterbliche“ Geist von Goethe lebendig fort; und iiberall sehen wir,
wie dieser „groBe Heide von Weimar“ (der sich selbst als
„dezidierten Nichtchristen“ bekannte) in seiner „Gott-Natur“
den theophysischen Grundgedanken unseres heutigen Monis­
mus vorwegnahm. So kann ich denn diese meine letzte
Studie uber monistische Philosophie und Religion auch nur
mit seinen Worten schlieBen:

„GewiB, es gibt keine schonere Gottesverehrung als
diejenige, welche aus dem Wechselgesprach mit der
Natur in unserm Busen entspringt!“

�Nachwort.
Diejenigen Leser der „Weltratsel“ und „Lebenswunder
welche an den vorstehenden „ Studien fiber monistische Religion “
ein tieferes Interesse finden und eine weitere Begriindung meiner
beziiglichen Anschauungen in meinen friiheren Schriften aufzusuchen
wiinschen, kann ich besonders auf folgende Werke verweisen:

I. Generelle Morphologie der Organismen, 1866 (Berlin, G. Rei­
mer). 2 Bande. Da dieses Werk schon lange vergriffen ist, wurde
1906 sein dritter Teil in wortlichem Abdruck unter dem Titel „Prinzipien der generellen Morphologie “ herausgegeben.
II. Natiirliche Schopfungsgeschichte ; Gemeinverstandliche wissenschaftliche Vortrage uber die Entwickelungslehre, 1868, Berlin,
G. Reimer. (Elfte Auflage 1908.) Mit 30 Tafeln.
III. Systematische Phylogenie. Entwurf eines natiirlichen
Systems der Organismen auf Grund ihrer Stammesgeschichte. 1894
bis 1896. Berlin, G. Reimer. 3 Bande.
IV. Anthropogenie; Entwicklungsgeschichte des Menschen.
Erster Teil: Keimesgeschichte. Zweiter Teil: Stammesgeschichte.
1874. Leipzig, W. Engelmann. (Sechste Auflage, 2 Bande, 1910.
Mit 30 Tafeln und 500 Holzschnitten.)
V. Gemeinverstandliche Vortrage uber Entwickelungslehre
1902. Bonn, Emil StrauB. 2 Bande.
VI. Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissen­
schaft. Glaubensbekenntnis eines Naturforschers, vorgetragen in
Altenburg 1892. — 15. Auflage, 1912. Leipzig, Alfred Kroner.
VII. Alte und neue Naturgeschichte. Festrede zur Ubergabe
des Phyletischen Museums an die Universitat Jena, 1908. (Mit
Verzeichnis der Druckschriften.) Jena, Gustav Fischer.
VIII. Unsere Ahnenreihe (Progonotaxis Hominis). Kritische
Studien fiber Phyletische Anthropologie. Festschrift. Mit 6 Tafeln.
Jena 1908, Gustav Fischer.

�Aahang.
Synoptische Tabellen
zum Verstandnis der Studien uber

Monistische Religion.
(Vergleiche die 4 Tabellen in der GroBen Ausgabe der „Weitratsel“, 1899;
und die 22 Tabellen in der GroBen Ausgabe der „Lebenswunder“, 1904.)

I. Tabelle: Monistische und Dualistische Religion.
Theophysik (Pantheos) und Theomystik (Ontheos).
,11. Tabelle: Hauptformen des Ontheisinus.
(Monotheismus, Amphitheismus, Triplotheismus, Polytheismus).

III. Tabelle: Trinitat der Substanz.
(Materie, Energie, Psychom).
IV. Tabelle: Drei Richtungen der Substanzlehre.
(Materialismus, Energetik, Psychomatik).
V. Tabelle: Eritik der Erkenntniswege.
Monistische und Dualistische Erkenntnistheorie.
VI. Tabelle: Grundrichtungen der Naturphilosophie.
Monistische und Dualistische Kosmologie.

VII. Tabelle: Ahnenreihe des Menschen,
Erste Halfte: Ohne fossile Urkunden.
will. Tabelle: Ahnenreihe des Menschen.
Zweite Halfte: Mit fossilen Urkunden.

�Erste Tabelle. Monistisehe und dualistische Religion.

Prinzipien der Theophysik.

Prinzipien der Theomystik.

Allgott. Pantheos.
„Deus intramundanus".
Uni ver sal-Gott.
Kosmischer Urgrund der Welt.
(Giordano Bruno, Spinoza, Goethe.)

Schulgott. Ontheos.
„Deus extramundanus“.
Personal-Gott.
Anthropistischer Urgrund der Welt.
(Jehovah, Christus, Allah.)

1. Gott ist die Natur selbst, ewig
und unverganglich wie diese.

1. Gott ist ewig und erzeugt als
Schopfer die vergangliche Natur.

2. Gott ist selbst das Naturgesetz,
unbewufit, unabanderlich („Universum perpetuum mobile11).

2. Gott bestimmt als Gesetzgeber
mit BewuBtsein die Naturgesetze und
kann sie beliebig abandem.

3. Gott besitzt keinen freien Willen
und keine Willkiir.

3. Gott besitzt unbeschrankte Frei­
heit des Willens und ist „allmachtig“.

4. Gott ist an die „ewigen ehernen
Naturgesetze“ gebunden und kann
keine Wunder tun; es gibt keine
„ubernatiirlichen Wunder".

4. Gott kann jederzeit und iiberall
Wunder tun und die Naturgesetze
willkiirlich durchbrechen; es gibt wirkliche „iibematurliche Wunder“.

5. Gott als universale Substanz ist
iiberall und jederzeit an die Trinitat
der Attribute (Materie, Energie,
Psychom) gebunden; die Entwick­
lung der zweckmaBigen Organisa­
tion ist ein Produkt der Anpassung
und Auslese (Selection).

5. Gott hat als weiser und zweckmaBig handelnder Weltregent alle
Dinge mit Weisheit und Verstand
eingerichtet; als geschickter „Maschinen-Ingenieur“ hat er alle Ein­
richtungen (im Anorgon und im Bios!)
planvoll geschaffen.

6. Gott als blindesSchicksal(Fatum)
ist an das universale, Alles beherrschende Kausalgesetz gebunden. Es
gibt in der Entwieklung des Univer­
sum keine „gottliche Vorsehung",
keine „sittliche Weltordnung“.
7. Gott ist kein „allgerechter Rich­
ter", kennt keinen Unterschied von
„Gut und Bose". Die Tugend belohnt sich selbst; die „Siinde“ be­
straft sich selbst. Es gibt in Wirklichkeit kein „Jiingstes Weltgericht".

6. Gott als „liebender Vater“ ist
iiberall fur das Wohl seiner „Geschopfe" besorgt; behiitet sie als
„Vorsehung“ vor Gefahren und leitet
ihr Wohl umsichtig durch eine „sittliche Weltordnung".
7. Gott als „ strenger Richter" und
Weltregent wacht uber der Befolgung
seiner „Gebote“, belohnt die „Guten“
und bestraft die „Bbsen“. Am Ende
folgt (— fiir alle Lebewesen? —) ein
„ Jiingstes Weltgericht “.

Naturalistischer
Gottes-Begriff.

Transszendenter
Gottes-Begriff.

�65
Zweite Tabelle.

Ilauptformen des Ontlieismus.

Grundvorstellung: Gott ist eine individuelle Personlichkeit, welche als
Selbstandiges Subjekt auBerhalb der Welt besteht; Schopfer der Natur.
(Deus extramundanus = Schulgott = Personal-Gott.)
I. Monotheismus. Eingotterei.
I. Ein hochstes Wesen in einem
I. A. Naturalistischer Mono­ einzigen herrschenden Natur-Objekt
theismus.
verkorpert, beherrscht alles Ubrige.
A I. Solarismus(=Heliotheismus)
I, A. Die Sonne oder der Mond ist
Sonnen-Kultus.
das hochste Wesen, das Alles
A 2. Lunarismus (— Selenotheisschafft und belebt (Quelle
mus) Mondkultus.
aller Energie).
I. B. Anthropistischer Mono­
I. B. Das hochste Wesen ist ein
theismus. (Anthropomoreinziger personlicher Gott und
pher Theismus).
menschenahnlich denkend.
B 1. Mosaismus (Jiidischer Mo­
Bl. Moses: „Ich bin der Herr dein
notheismus: Jehovah (JaGott, du sollst nicht andere
veh) 1800 v. Chr.
Gotter haben neben mir“.
B 2. Christianismus (ChristB 2. Christus: Gott ist der Geist
licher Monotheismus).
der Liebe.
B 3. Islam (Mohammedan. Mo­
B 3. Mohammed: „Gott ist der
notheismus : Allah) 600 n.Chr.
alleinige Gott“ (unsichtbar).
II. Amphitheismus. Zweigotterei.
II. Zwei hochste Wesen („Gott
und Teufel“ — „Gutes und boses
II. A. Altindische
Zweigotterei:
Wisehnu (= Erhalter) gegen Prinzip“) kampfen gegeneinander um
die Weltregierung.
Schiwa (= Zerstorer).
II. B. Altagyptische Zweigotterei:
Vom Standpunkt der reinen Ver­
Osiris (gut) gegen Typhon.
nunft betrachtet erscheint der Amphi­
II. C. Altpersische Zend-Religion:
theismus als die rationellste Form
Ormudz (Licht) gegen Ahri­ des Personal-Theismus; denn er erman (Finsternis).
klart den tatsachlich iiberall vorhanII. D. Althebraische Zweigotterei:
denen Kampf der Gegensatze.
Aschera gegen Moloch.
(Vergl. Kap. 15 der Weltratsel.)
III. Triplotheismus.
III. Drei hochste Wesen beherrschen die Welt: Der „Dreieinige Gott“
Dreigotterei
erscheint in drei verschiedenen (an= Trinitatslehre, Dreieinigkeit.
thropomorphen) Personen.
III. A. Altindische
Dreigotterei:'
Ill A. Brahma (Schopfer), WiAlte Bramahnen - Religion:
schnu(Erhalter) undSchiwa
Trimurti (= Drei-Einheit).
(Zerstorer).
III. B. Altchaldaische Trinitat: Ilu
IIIB. Anu(= Chaos, Weitsubstanz),
(■= Urquelle der Welt).
Bel (Ordner der Welt), Ao
(Weltgericht, himmlisch.Licht).
III. C. Christliche DreieinigkeitsIll C. Gottvater (Schopfer), Gotteslehre. Trinitat der drei
sohn (Jesus Christus), Heiliger
christlichen Personen.
Geist (?).
IV. Polytheismus. Vielgotterei.
IV. Viele hochste Wesen beherrDamonismus in *mannigfaltigster schen die Welt und leiten die GeGestalt.
schicke der Menschen.
Der monistische Pantheismus,
im Gegensatze zu alien obenstehenden Formen des Ontheismus (— der
jjSchulgotterei" oder des „Personal-Theismus“ —) findet iiberall
„Gott in der Natur“ (kein personliches hochstes Wesen).
5

�66
Dritte Tabelle.

Trinitat der Substanz.
tJbersicht uber die drei wesentlichen, untrennbar verknfipften Grundeigenschaften (&gt;; Essential-Attribute “) aller Substanz (der anorgiscben
ebenso wie der organischen). — (Vgl. Kapitel 19 der „Lebenswunder“; daselbst Tabelle 19 in der groBen Ausgabe.)

A. Materie — Stoff
(Hyle oder Weltstoff = Prakriti der alten Inder.)
Alle Substanz (anorgische und organische) ist ausgedehnt („Extensum11) und daher raumerfiillend.
Einseitig betont vom monistischen Materialismus (Holbach,
Buchner) und von der modernen Mechanistik (der meisten Chemiker).
B. Energie = Kraft
(Dynamis oder Weltkraft = Karma der alten Inder.)
Alle Substanz (anorgische und organische) ist beweglich (kraftbegabt)
und daher wirksam.
Einseitig betont von der monistischen Energetik (Ostwald) und der
alteren Dynamik (Leibniz).
C. Psychom = Empfindung
(Asthesis oder Weltseele — Atman der alten Inder.)
Alle Substanz (anorgische und organische) ist empfindlich und reizbar
(— und also „belebt“ im weitesten Sinne! —).
Einseitig betont vom monistischen Psychomonismus (Ernst Mach,
Max Verworn) und dem alteren Idealismus (Platon, Berkeley).
Die fundamentalen Erscheinungen der Gravitation'oder Schwerkraft
in der Physik, der Affinitat oder „Wahlverwandtschaft“ in der Chemie,
finden ihre tiefere (panpsychistische) Erklarung durch die Annahme, daB
alle Materie (Masse und Ather) nicht nur Energie, sondern auch Ffihlung besitzt: die Gravitation beruht auf quantitativer, die Affinitat auf
qualitativer Unterscheidung der Umgebung.

NB. Die hier iibersichtlich dargestellte Theorie von der universalen
Trinitat der Substanz (— den drei untrennbaren Grundeigenschaften
aller anorgischen und organischen Korper —) ist zuerst in dem Buche fiber
die „Lebenswunder“ (1904) erschienen. Sie diirfte viele wichtige Pro­
bleme (Gravitation, Wahlverwandtschaft) besser erklaren, als die
altere Theorie von der Binit at der Substanz (zwei Attribute: Einheit
von Materie und Energie), welche ich im AnschluB an Spinoza 1892 aufgestellt hatte (1. c.).

�67

Vierte Tabelle.

Drei Grundrichtungen der Substanzlehre.
(Drei Attribute der Substanz oder des „Kraftstoffes“.)
I. Materie
(= Stoff = Hyle)

II. Energie
(— Kraft = Arbeit)

III. Psychom
(= Urseele — Fiihlung)

Weltstoff.

Weltkraft.

Welts eele.

Materialistisches Prinzip
Dynamisches Prinzip
(Prakriti, Sankhya). (Karma, Buddhismus).
Materialismus
Energetik
(— Hylismus)
(= Energielehre)
(Ausdehnung).
(Wille).

Psychistisches Prinzip
(Atman im Veda)
Psyehomatik
(= Panpsychismus)
(Empfindung).

Raumerfiillendes
Wirkende Arbeit,
Unterscheidende
Substrat aller
Funktion aller
Fiihlung aller
Substanz
Substanz
Substanz
(Hypokeimenon)
(Energie)
(Asthesis)
(Zuriickfiihrung allesSeins (Zuriickfiihrung allesSeins (Zuriickfuhrung allesSeins
und Werdens auf Materie und Werdens auf Energie und Werdens auf Psyche
oder Stoff).
oder Kraft).
oder Seele).

Zwei Urzustande.
Zwei Urzustande.
Zwei Urzustande.
I. A. Ather
II. A. Spannkraft
III. A. Anziehung
(Weltather = Lichtather) Potentielle Energie
Attraktion, Neigung,
„gespannte Materie"
„Arbeitsfahigkeit“
„Liebe der Elemente"
Struktur kontinuierlich
(nicht atomistisch)
Ruhende Kraft
Lust-Gefiihl
Imponderable
Energie der Lage.
Positiver Tropismus.
Substanz.

I. B. Masse
„Verdichtete Materie"
Struktur atomistisch
(Diskrete Teilchen)
Ponderable
Substanz.

II. B. Triebkraft
Aktuelle Energie
„ Arb eitsleistung “
Lebendige Kraft
Wirkende Energie der
Bewegung.

III. B. Abstofiung
Repulsion, Widerstand,
„HaB der Elemente “
Unlust-Gef uhl
Negativer Tropis­
mus.

Alle Substanz besitzt Aus­ Alle Substanz besitzt
Alle Substanz besitzt
dehnung (Extensio)
Kraft oder Energie und Fiihlung oder Empfindung
und fiillt Raum aus. wirkt auf ihre Umgebung.
fiir ihre Umgebung.
Konstanz der Materie
Konstanz der Energie Konstanz des Psychoms
Universalgesetz von der Universalgesetz von der Universalgesetz von der
„Erhaltung
„ Erhaltung
„ Erhaltung
des Stoffes".
der Kraft".
der Fuhlung".
5*

�68
Funfte Tabelle.

Kritik der Erkenntms-Wege.
Physikalische Erkenntnis-Theorie.
Monistischer Erkenntnisweg.
Grundlage: Erfahrung
(Empirie).

Metaphysische Erkenntnis-Theorie.
Duaiistischer Erkenntnisweg.
Grundlage: Offenbarung
(Revelation).

1. Die Erkenntnis der Wahrheit
ist ein natiirlicher Vorgang (ein
physikalischer oder genauer physiologischer ProzeB).

1. Die Erkenntnis der Wahrheit
ist ein iibernaturlicher Vorgang
(ein metaphy sischer oder transszendenter ProzeB).

2. Die Erkenntnis ist gleich alien
anderen Naturerscheinungen dem universalen Substanz-Gesetz (dem
kosmischen Konstanz-Prinzip) unterworfen. Vgl. Tabelle III. u. IV.

2. Die Erkenntnis ist nur zum Teil
eine Naturerscheinung und somit vom
Substanz-Gesetz abhangig; zum an­
deren Teil ist sie ein autonomer
geistiger Vorgang.

3. Die Physiologie und Pathologie
der Erkenntnis zeigt, daB ihr anatomisches Werkzeug ein raumlich
begrenztes Gebiet der GroBhirnrinde
ist, das Denkorgan (Phronema).

3. Die Physiologie und Pathologie
der Erkenntnis lehrt, daB sie als
hohere „Geistestatigkeit“ von ihrem
anatomischen Organ, dem Phronema,
teilweise unabhangig ist.

4. DasErkenntnis-Organ(Phronema) umfaBt die Gesamtheit der
„Assozions-Zentren« und ist durch besonderen histologischen Bau von den
angrenzenden sensorischen und motorischen Zentren der GroBhirnrinde
verschieden.

4. DasErkenntnis-Organ(Phronema) hat als „Assozions-Zentrum“
bloB die Bedeutung eines Teiles des
„Geistes-Instrumentes“ und wird von
dem freien immateriellen Geiste selbstandig regiert (— unabhangig von
der histologischen Struktur).

5. Die zahlreichen Zellen, welche
das Phronema zusammensetzen — die
Phronetalzellen — sind die eigentlichen Elementar-Organelle des
Erkenntnis-Prozesses; auf ihrer normalen physikalischen Beschaffenheit
und chemischen Zusammensetzung
beruht dieMoglichkeit der Erkenntnis.

5. Die zahlreichen Phronetalzellen
(die mikroskopischen Elementarteile
des Phronema) sind zwar unentbehrliche Werkzeuge des ErkenntnisVorganges, aber nicht dessen reale
Faktoren; sie sind abhangig vom
immateriellen Geiste, bloB Bestandteile seines Instrumentes.

�69

Sechste Tabelle.

Grundrichtungen der Naturphilosophie.
Monistische Kosmologie.

Dualistische Kosmologie.

Theorie der einheitlichen Gesamtwelt. (Alles lebt.)
1. Natur allein ist Alles!

Theorieder zwei verschiedenen
Welten. (Lebende und tote Natur.)
1. Natur und Geist sind getrennt!

1. Monismus. Organische und an©rgische Natur sind zwei untrennbar
verbundene Gebiete des einheitlichen
Universum.
2. Mechanismus (Biologischer Mo­
nismus). Die sogenannten Lebenserscheinungen werden durch dieselben
physikalischen und chemischen Krafte
bedingt, wie samtliche Vorgange in
der sogenannten leblosen oder anorgischen Natur.
3. Kausalitat. Die Ursachen aller
Erscheinungen sind mechanische (unbewuBte) Werkursachen (Causae
efficientes). Die zweckmaBigen Ein­
richtungen in dem Organismus sind
die Folgen der Anpassung und Selektion im Kampf urns Dasein.
4. Die Physik (im weitesten Sinne,
mit EinschluB der Chemie als „ Physik
der Atome“) beherrscht das Gesamtgebiet der Natur; die Physiologie ist
nur ein Teilgebiet der Physik (Or­
ganische Physik).
5. Das Plasma, welches als „Lebendige Substanz “ die besonderen
Lebenserscheinungen bewirkt, ist als
stickstoff haltige Kohlenstoff-Verbindung die einzige materielle Basis der
Lebenstatigkeit; das organischeLeben
ist nur eine besonders verwickelte
Form der Plasma-Physik.
6. Die Urzeugung (Archigonie),
als spontane Entstehung von lebendigem Plasma aus anorgischen Kohlenstoff-Verbindungen, wird durch die
Vergleichung der Moneren mit fliissigen Krystallen verstandlich.

1. Dualismus. Organische und anorgische Natur sind zwei wesentlich
getrennte Gebiete des zweiheitlichen
Universum.
2. Vitalismus (Biologischer Dualis­
mus). Die Lebenserscheinungen wer­
den durch eine besondere Lebenskraft
(Vis vitalis) geleitet, eine iibernaturliche Richtkraft, welche die physikalischen und chemischen Krafte
zielbewuBt dirigiert (Entelechie).
3. Teleologie (Finalitat). Die Ur­
sachen der Lebenserscheinungen sind
nur zum Teil mechanische Werkur­
sachen; zum anderen Teil sind sie
zielstrebige Zweckursachen (Causae
finales) von einer iibernaturlichen
kosmischen Intelligenz bestimmt.
4. Die Physik (mit EinschluB der
Chemie) ist nur in der Anorgik allmachtig; in der Biologie tritt ihr die
„Autonomie des Lebens“ entgegen;
daher ist die Physiologie nur zum
Teil der Physik unterworfen.
5. Das Plasma (als die universale
„Lebendige Substanz") ist zwar iiberall
in den Lebenserscheinungen tatig;
aber seine chemische Zusammensetzung ist nicht deren einzige Ursache; vielmehr ist ihre Funktion von
der Lebenskraft abhangig (= Kosmische Intelligenz).
6. Die Urzeugung (Archigonie)
hat niemals stattgefunden; denn
immer haben Organismen unabhangig
von den Anorganen existiert; oder
sie sind durch ein ubernatiirliches
Wunder erschaSen worden.

�70
Siebente Tabelle.

Ahnenreihe des Menschen.
Erste Halfte: Ohne fossile Urkunden, vor der Silurzeit.

Hauptstrecken der
Progonotaxis
I. Erste Strecke:

Protisten-Alinen
Einzellige Urwesen.
1. 2. Protoph yta.
Urpflanzen
(Plasmodom).
3.-5. Protozoa
Urtiere
(Plasmophag).

Stammgruppen
der Ahnenreihe

Lebende
Verwandte der Wichtigste Momente
der Stammesgeschichte
Gegenwart

1. Monera
1. Chromacea Plasmakornchen, durch
Kernlose Ur(Chroococcus) Urzeugung (Archigonie)
zellen
entstanden.
2. Algaria
2. Paulotomea Alteste Kernzellen, d.
Einzellige Algen (Protococcus)
Kernsonderung (Karyogonie) entstanden.
3. Lobosa
3. Amoebida AmoeboideZellen, durch
Amoebinen
(Leucocyta)
Metasitismus entstan­
den.
4. Flagellata
4. Monadina GeiBelzellen mit FlimGeiBelinfusorien (Zoomonades) merbewegung.
5. Blastaeades
5. Catallacta Hohlkugeln, derenWand
Hohlkugeltiere
(Blastula)
eine einfache Zellschicht ist.

II. Zweite Strecke:

6. Gastrula
6. Gastraeades
Urdarmtiere (Pemmatodiscus
Hydra)
7. Platodaria 7. Cryptocoela
&lt;
Wirbellose
Urplattentiere
(Convoluta)
Metazoen.
8. Turbellaria 8. Rhabdocoela
, Strudelwiirmer
(Vortex)
6.-8. Coelenteria
' 9. Provermalia 9. Gastrotricha
Niedertiere
(Ichthydium)
Urwurmtiere
(ohne Leibeshohle,
ohne After).
10. Frontonia
10. Enteropneusta
Kiemendarm•
9.—11. Vermalia
(Balanoglossus)
wiirmer
Wurmtiere
(mit Leibeshohle, mit ll.Prochordonia 11. Copelata
Urchordatiere
(Chordula)
After).

Becher, dessen Wand
2 Zellschichten bilden,
Urdarm und Urmund.
Bilaterale Symmetric
erscheint.
Ein Paar Nephridien
treten auf.
Darm mit 2 Offnungen:
Mund und After.
Kiemendarm tritt auf,
mit Kiemenspalten.

12. Prospondylia 12. Amphioxides
AmphioxusUrwirbeltiere
larven
13. Leptocardia 13. Amphioxus
Alteste, kieferlose Wir­
Branchiostoma
Lanzelottiere
beltiere, mit unpaarer
Nase, ohne paarige
' 14. Archicrania 14. Ammocoetes
GliedmaBen.
Urschadeltiere (Prickenlarve)
12. 13. Acrania
Schadellose.
15. Marsipo- 15. Petromyzon
(Bdellostoma)
branchia.
14. 15. Cyclostoma
Kieferlose Schadeltiere. . Prickentiere

Innere Gliederung, Metamerie tritt auf. Ein
Paar Kiemenspalten.
Zahlreiche Kiemenspalspalten. Perichorda.
Gewebebau epithelial.
Einfache Hirnblase und
Urschadel tritt auf.
Gewebebau mesenchy­
mal.
Gehirn gliedert sich in
drei Blasen.

liivertebratenAhnen.

III. Dritte Strecke:

Monori’IiinenAhnen.

Chorda erscheint und
sechs Primitiv-Organe.

�71
Achte Tabelle.

Ahnenreihe des Menschen.
Zweite Halite: Mit fossilen Urkunden, in der Silurzeit beginnend.
Hauptstrecken der
Progonotaxis

Stammgruppen
der Ahnenreihe

IV. Vierte Strecke:

16. Selachii
Urfische

Lebende
Verwandte der Wichtigste Momente
der Stammesgeschichte
Gegenwart

16. Notidanides
(Chlamydoselachus)
17. Polypterides
(Accipenserides)
18. Ceratodina
(Protopterus)
19. Perennibranchia
(Salamandrina)
20. Rhynchocephalia
(Ureidechsen)

Bildung von Hautknochen (Zahne, Fischschuppen).
Verknocherte Wirbelsaule.
Schwimmblase verwandelt sich in Lunge.
Ubergang vom Wasser­
leben zum Landleben.

21. Monotrema
Gabeltiere

21. Ornitliodelphia
(Echidna)
22. Marsupialia 22. Didelphia
Beuteltiere
(Didelphys)
23. Mallotheria 23. Insectivora
Urzottentiere (Insektenfresser)

Haarkleid und Milchdriisen erscheinen.
Ovipara.
Milchzitzen und Peri­
neum. Vivipara.
Placenta und Chorion
treten auf. Beutel wird
riickgebildet.

VI. Sechste Strecke: ' 24. Lemuravida
Halbaffen
Primaten25. Lemurogona
Ahnen.
Voraffen
Herrentiere.
- 26. Dysmopitheca
Saugetiere der TertiarWestaffen
zeit, mit Plazenta, lebendig gebarend, ohne 27. Cynopitheca
Ostaffen
Beutelknochen,
unit
Kletterbeinen und
28. Anthropoides
Greifhanden.
Menschenaffen
24. 25. Prosimiae
Halbaffen
29. Pithe­
canthropi
26. 27. Simiae
Affenmenschen
Voll affen

24. Lemurides Verwandlung der Kral(Lemur, Stenops) len in Nagel.
25. Tarsiades Verwandlg. d. Mallopla(Tarsius)
centa in Discoplacenta.
26. Platyrrhinae Tympanicumringformig
(Nyctipithecus) Nasen-Septum breit.

Fischartige
Ahneii.
16.—18. Fische
(Pisces).
Mit 2 Paar vielstrahligen
S chwimmflossen.
19. 20. Tetrap oda.
Vierfiifiige und kaltbliitige. Mit 2 Paar
fiinfzehigen Kriechbeinen.
V. Fiinfte Strecke:

MammalienAhnen.
Niedere Saugetiere der
Sekundarzeit.
(Mesozoisch: 21. Trias,
22. Jura, 23. Kreide.)

28.—30. Anthropomorpha
Menschenaffen

&lt;

&lt;

17. Ganoides
Schmelzfische
18. Dipneusta
Lurchfische
19. Amphibia
Lurche
20. Reptilia
Schleicher

Oberhautverhornt. Am­
nion und Allantois erscheinen.

27. Catarrhinae Tympanicum rohrfor(Cercopithecus) mig, Nasen-Septum
schmal.
28. Hylobatides Riickbildung d. Schwan(Gibbon)
zes.
Kreuzbein mit
5 Wirbeln.
29. Anthro- Verwandlung des Affenpitheca
gehirns in MenschenGorilla, Schimp., gehirn.
Orang-Utan)
30. Hominides 30. Weddales Ausbildung der artikuMenschen
(Wilde Natur- lierten Sprache.
menschen)

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              <text>Haeckel, Ernst Heinrich Philipp August [1834-1919]</text>
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              <text>Place of publication: Leipzig&#13;
Collation: 71, [1] p. ; 25 cm.&#13;
Notes: Part of the NSS pamphlet collection. Signature on title page: 'Mr. Joseph McCabe (16 Elm Grove, Cricklewood) London N.W. Freundschaftlicht Ernst Haeckel'. Publisher's advertisements on unnumbered page at the end. Publisher's leaflet inserted loose at p. 25.</text>
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          <description>An entity responsible for making the resource available</description>
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              <text>[s.l.]</text>
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              <text>&lt;a href="http://creativecommons.org/publicdomain/mark/1.0/"&gt;&lt;img src="http://i.creativecommons.org/p/mark/1.0/88x31.png" alt="Public Domain Mark" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;span&gt; &lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;This work (Gott-Natur (Theophysis); Studien über monistische Religion), identified by &lt;/span&gt;&lt;a href="https://conwayhallcollections.omeka.net/items/show/www.conwayhall.org.uk"&gt;&lt;span&gt;Humanist Library and Archives&lt;/span&gt;&lt;/a&gt;&lt;span&gt;, is free of known copyright restrictions.&lt;/span&gt;</text>
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